Zoff im Weihnachtshimmel

Verena Lüthi, 10.12.2018

Alle sind sie gekommen an diesem denkwürdigen Vorweihnachtstag. Die heilige Familie, Hirten, Könige, Engel, St. Nikolaus samt Knecht Ruprecht sind anwesend, nicht zu vergessen derjenige der eingeladen hat, der göttliche Regisseur.

Aufgeregtes Gemurmel am Tisch, als der Regisseur um Aufmerksamkeit bittet: „Leute, die Lage ist ernst.Schon wird er von Nikolaus unterbrochen, der seine Wut kaum mehr zurückhalten kann. „Ich mach das nicht mehr mit“, poltert er los und schlägt mit der Faust auf den Tisch. „Ich find es ja gut, dass die Kinder sich nicht mehr vor mir fürchten, aber ein bisschen Respekt wäre angebracht! Aber nein, die hören mir nicht einmal mehr zu, machen sich bestenfalls noch lustig über mich. Und wenn wir unterwegs sind, werden wir angepöbelt“. Knecht Ruprecht unterstreicht die Worte seines Chefs durch heftiges Kopfnicken.

„Ihr seid nicht die einzigen, denen es so geht“, klagt Josef. „Die Menschen jagen nur den Geschenken nach. Ganze Städte strahlen in künstlichem Lichterglanz. In dem Geglitzer und Gefunkel würde der schönste Stern von Bethlehem nicht mehr auffallen.“ Maria doppelt nach: „Und dieser Stress. Niemand hat mehr Zeit, die Menschen hetzen beladen mit Taschen und Paketen durch die Städte. Dagegen war unsere Reise nach Bethlehem ein Sonntagsspaziergang!“

„Früher war es eh besser, da freuten sich die Menschen nochobwohl sie sich  bekriegten, aber an Weihnachten schwiegen die Waffen“, weiss der Oberhirte zu berichten.

Der Regisseur nickt dem Jesuskind zu, das schon lange durch heftiges Winken um das Wort bittet. „Eines wollen wir doch mal festhalten. Es ist mein Geburtstag, der gefeiert wird, meiner ganz allein“. Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, tippt Jesus mit dem Zeigefinger vehement auf seine Brust. „Viele wissen das nicht einmal mehr, feiern meinen Geburtstag, obwohl sie nichts von mir wissen, sie wissen nicht einmal, dass ich existiert habe, das ist doch schizophren“.

Betretenes trostloses Schweigen um den Tisch. Der Regisseur hält seine Hand hoch:Halt, halt, ihr habt ja Recht, doch ich wäre ein schlechter Regisseur, wenn ich das nicht geahnt und schon vor zweitausend Jahren vorgesorgt hätte! Seit du, mein Kleiner, auf die Welt kamst, wusste ich um die grassierende Gleichgültigkeit der Menschheit. Ich habe ihnen deshalb etwas eingepflanzt – einen Chip – würde man heute wohl sagen. Immer an Weihnachten überfällt die Christenheit eine Ursehnsucht nach Frieden und Liebe. Das ist heute genauso wie damals. Es dauert vielleicht noch knapp ein-, zwei Generationen, bis die Ursache von Weihnachten ganz verloren gegangen ist, da bin ich mir leider fast sicher. Aber die Sehnsucht wird bleiben. Da es in der Natur des Menschen liegt, allem Unbekannten nachzugehen, werden sie sich irgendwann fragen, woher diese Sehnsucht kommt, die sie immer am selben Tag im Dezember überfällt. Sie werden es herausfinden! Zwar werden sie so tun, als ob sie es erfunden hätten, aber das kennen wir ja, und es spielt letztendlich keine Rolle. Hauptsache sie freuen sich wieder über die Geburt Christi, und ob ihr es glaubt oder nicht, sie werden wieder voller Freude einander ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest wünschen und das auch so meinen! Wartet es nur ab meine Lieben, wir sitzen am längeren Hebel. Macht euch jetzt ruhig und besonnen an eure Arbeit, es ist bald Weihnachten!“ 

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