Wie weit darf Toleranz also gehen?

Benita Batliner, 22.10.2018

Toleranz ist ein grossmütiges Wort. Es bedeutet “Geltenlassen und Gewährenlassen anderer oder fremder Überzeugungen, Handlungsweisen und Sitten“. Das ist schön und klingt selbstverständlich.

Jeder Mensch hat das Recht sein ureigenes, individuelles Sein zum Ausdruck zu bringen. So sollte es sein in einer freien und freundlichen Welt. Die Natur zeigt es uns. Sie ist überbordende, bunte, interessante Vielfalt.

Toleranz heisst, man akzeptiert und respektiert, dass ein anderer Mensch anders ist als man selbst. Dass er anders lebt, anders denkt und anders fühlt.

Doch wo ist die Grenze? Wie weit darf diese Vielfalt, diese Individualität gehen bevor sie anfängt unser Zusammenleben und das Leben selbst zu stören?

Toleranz ist auch ein strapaziertes Wort mit dem Geschmack eines zu lange gekauten Kaugummis. Es trennt Gutmenschen von engstirnigen Menschen, von Rassisten und Traditionalisten. Manchmal ist Toleranz die Tarnkappe, die wir aufsetzen, um nicht als Feiglinge entlarvt zu werden wenn uns der Mut fehlt, für die eigenen Werte und Bedürfnisse einzustehen. Dann wird sie zur Duldsamkeit, bei der wir den Kopf neigen und zu Ja-Sagern werden.

Toleranz ist ein Tanz auf Eiern, bei dem es leicht passieren kann, dass man wegen zuviel Toleranz toll auf den Ranzen fällt.

Wie weit darf Toleranz also gehen?

So weit, wie sie die Würde eines Lebewesens noch achtet und schützt.

So weit, wie sie das Leben an sich noch wertschätzt und bewahrt.

So weit, wie sie noch Liebe, Mitgefühl und Güte in sich birgt.

Bis an die Grenze um das Reich meiner Mitte und keinen Schritt weiter.

Solange die Andersartigkeit eines Menschen meine eigene Besonderheit nicht bedroht, ist mir Toleranz willkommen und ein Teil meines Selbstverständnisses. Wo sie aber nicht auf Gegenseitigkeit beruht oder Zerstörung zulässt, hört meine Duldsamkeit auf.

Auch wenn ich nicht mit zerstörerischen Ansichten und Handlungen anderer Menschen einverstanden bin, muss ich ein Stück weit damit leben. Ich kann

nicht alles alleine und über Nacht ändern. Das heisst aber nicht, dass ich es toleriere. Ich kann einstehen für meine Werte und für meine Würde und auch für diejenige anderer, indem ich sage, was ich denke und fühle, indem ich eine klare Haltung einnehme und ein Vorbild bin in meinem Tun. Und indem ich Respekt einfordere, wenn man ihn mir verwehrt.

Toleranz ist ein Rettungsring, der hilft, im Mainstream der Gleichmacherei und des Kollektivismus mitzuschwimmen. Doch der steuert auf den Abgrund zu, wenn wir weiterhin die Toleranz gegenüber allem Zerstörerischen, das uns vorgesetzt wird  propagieren und leben, weil wir Angst haben vor Ausgrenzung und davor, als intolerant zu gelten.

Zielführender für ein friedliches Leben als freie Individuen in einer freundlichen Welt wäre es, diesen grossen Mut zu finden zu einem Nein am rechten Ort und stattdessen das Leben in all seinen Ausformungen zu bejahen und zu schützen und dafür und für die Werte die uns unsere Würde als Mensch geben, gerade zu stehen.

1  Kommentar

  • Marion Zellweger
    05.11.2018 11:26 Uhr

    Für mich einen sehr gelungener Text.  Es hat in mir die Tiefe und Tragweite des Themas angsprochen mein gefühl ums Herz wurde etwas schwer. Gelten lassen / Gewähren lassen ist etwas schwierieges. Es fürht zu Reibung. Reibung empfinde ich und wahrscheinlich manch einer als etwas negatieves unfrieden stifftendes. Es nimmt das Gefühl von Einz sein. Gelingt es mir aber die Reibung als ein Energieträger für weiterentwicklung und als einstehen für mich zu empfinden, beflügelt es mich. Es löst das gefühl von Freiheit in mir aus.

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