Warum kuscheln ebenso viel bringt wie "häschtäggen"

Elisabeth Büchel Neuhold, 17.01.2018

Wir stehen vor einer Zeitenwende. Davon bin mittlerweile auch ich überzeugt. Und ich denke dabei nicht nur an den technischen Fortschritt oder an die ungeahnten Möglichkeiten, die uns die Wissenschaft und Forschung eröffnen. Ich denke vor allem auch an die Formen, wie wir unser Zusammenleben in Zukunft gestalten. Gut, in Sachen Anstand, Respekt und friedlichem Zusammenleben, auch im Bereich Gleichberechtigung hinken wir vielleicht der digitalen Entwicklung noch um ein paar Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte hintendrein. Ist es doch immer noch eine Tatsache, dass Frauen zum Beispiel weniger verdienen, in der Politik und in Führungspositionen untervertreten sind und noch immer hin und her gerissen und mit Schuldgefühlen belastet sind, wenn es um die Frage von Familie und Arbeit geht. Noch bin zuversichtlich, sehr zuversichtlich sogar, dass wir diesbezüglich auch noch ein paar wichtige Schritte vorwärts machen. Und das in Siebenmeilenstiefeln – zumindest was unseren westlichen Kulturkreis betrifft.


Vielleicht ist es genau die sogenannte Kuschelpädagogik
– in gewissen Kreisen inoffiziell zum Unwort der letzten Jahre gekürt – die der zukünftigen Generation Richtlinien geschaffen hat, an denen sie sich orientiert. Ich arbeite als Primarlehrerin und habe in den bald drei Jahrzehnten, an denen ich an der Basis der Gesellschaft wirke, grosse Veränderungen beobachten können. Veränderungen, die mich beeindrucken und hoffnungsvoll stimmen. OK, ich gebe zu, die heutigen Kinder sind definitiv schlechter im Kopfrechnen und in der Rechtschreibung als wir es waren. Wenn ich aber an meine Schulzeit zurückdenke, sind sie uns in einem Bereich meilenweit voraus. Was soziale Kompetenzen betrifft, zeigen heute Zehnjährige Mädchen und Buben ein Verhalten, an dem sich noch manch Erwachsene eine Scheibe abschneiden könnte. Das schnelle Eingreifen von Eltern, Schulbehörden und Lehrkräften, zum Beispiel im Bereich Mobbing, zeigt Wirkung. Fehlverhalten wird nicht mehr mit einer Ohrfeige oder mit stundenlangem Nachsitzen sanktioniert, was früher nur noch mehr Groll bei den Betroffenen hervorrief, sondern mit Gesprächen im Klassenrat oder mit den Eltern reflektiert und somit dem Kind die Möglichkeit geschaffen, über sein Verhalten nachzudenken und dieses zu ändern. Empathie für das Gegenüber wird in Rollenspielen oder mit Hilfe von Geschichten und Diskussionen explizit geübt. Konflikte werden ernst genommen und den Kindern werden Möglichkeiten aufgezeigt, wie man zu einem Konsens kommen kann. Im neuen Lehrplan wird eine Wochenlektion für Ethik, Religionen und Gesellschaft vorgeschrieben und somit ein Zeitgefäss geschaffen, in dem über das Individuum und über den Sinn von Regeln im menschlichen Zusammensein nachgedacht und geredet wird.

Konkrete Auswirkungen? Hier ein paar Beispiele:
„Frau B., können wir nach der Pause noch einmal über die Zimmeraufteilung im Skilager reden. S. ist traurig, weil sie nicht mit R. zusammen ist.“
„Frau B., ich möchte mit Marco darüber reden, dass es mich stört, wenn er mir in der Pause immer nachläuft. Geben Sie uns fünf Minuten im Gruppenraum?“
„Sie sind heute so fröhlich, dass es grad Spass macht, zu arbeiten.“
„Ich frage meine Mama, ob Marco zu uns kommen kann an Weihnachten, weil seine Mutter arbeiten muss. Sie sagt sicher ja.“
„ Gell, Frau B., wenn ich gross bin und ein bisschen Sex möchte, dann kann ich das einfach dem Mann sagen, oder?“ (Frage aus dem Aufklärungsunterricht)
„lipe L., kreutz bite an darf ich dich morn abholen? Darf ich im lager mit dir einmal tantzen? Darf ich mitir abmachen? Sol ich dir einmal einen kus geben? Ganz ganz ganz liber gruss Luca“

Meiner Meinung nach ging es in dieser grossen medialen Diskussion doch einzig und allein darum, dass Frauen sich - einmal mehr- dafür einsetzen, nicht minderwertig und respektlos behandelt zu werden. Für mich fühlte es sich wie ein letztes Donnergrollen in einer jahrzehntelangen Diskussion an und ich bin der Überzeugung, die grauen Wolken von Diskriminierung und Geringschätzung werden sich in naher Zukunft verziehen. Es kommen sehr taffe und selbstbewusste Mädchen daher und Buben, die fähig sind, zu reden! Und wir Frauen, wir Mütter, wir Lehrerinnen und Erzieherinnen können für uns beanspruchen, gute Arbeit geleistet und einen guten Boden für eine gesunde Saat bereitet zu haben, auch wenn viele von uns alte Rollenmuster nicht mehr ganz abstreifen werden. Vielleicht ist es gar nicht schlecht, dass ausgehend von Hollywood noch einmal eine Ladung Dünger ausgestreut wurde.  Respekt und Anstand (nicht nur zwischen den Geschlechtern) gedeihen, da bin ich mir ganz sicher. Dafür lächeln wir doch den Titel Kuschelpädagogin oder Emanze locker weg!

Ah ja, noch was zu Luca:
Erstens zur redaktionellen Korrektheit: Selbstverständlich heisst der Junge nicht Luca. (eben so wenig wie Marco Marco heisst)
Zweitens keine Rechtfertigung: Ich habe den Brief gelesen, weil er mir zugefallen ist und ich neugierig bin.
Drittens zur Beruhigung: Ja, ich habe ihn unbemerkt wieder in seine Tasche gesteckt.
Viertens eine Erkenntnis:  Ein bisschen „kuscheln“ bringt definitiv mehr als tz-Regeln büffeln oder häschtäggen! Zumindest gesellschaftspolitisch gesehen.
Und fünftens eine Prognose: Eine Gesetzesvorlage nach schwedischem Muster, bei der sexuelle Handlungen zuvor eine explizite schriftliche Einverständniserklärung erfordern, wird sich erübrigen.

5  Kommentare

  • Leo
    22.01.2018 22:25 Uhr
    Hallo Frau Büchel, Ich finde die Thematik des Textes nicht nur spannend aber auch brandaktuell. Vom Schreibstil her (im Vergleich zu anderen Medien) bringen Sie Ihre Botschaft auf eine sehr unterhaltsame Art rüber, chapo! Allerdings nachdem ich den Text gelesen habe, habe ich mir die Frage gestellt. Werden die Kinder heutzutage nicht eben genau durch diese "Kuschelpädagogik" etwas verweichlicht? Werden Gefühle nicht zu stark priorisiert und klar über Ehrgeiz und Wettbewerb gestellt? Ich muss zugeben, ich bin an einem Ort aufgewachsen, wo die "Prügelpädagogik" noch sonderlich gepflegt wurde und weiss, dass diese absolut keine Lösung darstellt aber werden die Konflikte und Probleme der heutige Kindern nicht stark von irgendwelche n Schulräten oder Elternkommisionen abgenommen? Natürlich finde ich es super, dass die soziale und diplomatische Fähigkeiten der Kinder besonders gefördert werden. Dies sind Gedanken, die mir beim Lesen Ihres Textes gekommen sind, was dafür spricht, wie anregend Ihr Text ist. Liebe Grüsse und mach weiter so Leo
  • Judith P.
    23.01.2018 21:11 Uhr

    Hallo Lisa

    Dein Text liest sich sehr flüssig und das Thema ist spannend. Du hast den Bogen aber weit gespannt, von hashtag, Kuschelpädagogik, technischer Fortschritt bis hin zur #MeToo Debatte. Was ist denn eigentlich Kuschelpädagogik? Einen Teil davon, die Stärkung der sozialen Kompetenzen bei deinen Schülern, mag sicherlich stimmen. Dies stimmt auch mich froh, dass selbstbewusste Frauen und Männer heranwachsen und sich durchsetzen können. Anderseits finde ich es auch wichtig, dass den Schülern klare Regeln und auch Konsequenzen bei Nichteinhaltung aufgezeigt werden. Damit es später im Erwerbsleben nicht zu Frustration und Arbeitsverweigerung kommt.

    Auf alle Fälle hat mich dein Text zum Nachdenken angeregt und genau das ist der springende Punkt.

     

  • Elisabeth Büchel Neuhold
    29.01.2018 11:10 Uhr

    Lieber Leo, Liebe Judith

    Zunächst möchte ich euch ganz herzliche danken für euren Kommentar und die Bereitschaft, euch mit meinem Text auseinanderzusetzen! Was ist eingentlich Kuschelpädagogik, hast du dich (oder mich) gefragt, liebe Judith. Ich habe den Begriff gegoogelt - und siehe da, es gibt tatsächlich eine Definition in Wikipedia:

    "Kuschelpädagogik ist ein Schlagwort, mit dem ... eine schulische Erziehung bezeichnet wird, die durch geringe Leistungsorientiertheit und übertrieben hohe Rücksichtsnahme auf vermeintliche Bedrüfnisse des Kindes gekennzeichnet wird." Hoppla! In diesem Sinne verstehe ich eure Skepsis. Und ich gehe absolut mit euch einig, dass ein gewisses Mass an Wettbewerb, Leistungsorientiertheit sowie klare Regeln und auch ein klares STOP oder NEIN nach wie vor unabdingbar sind. Mehr noch: Wir sind es den Kindern schuldig, wenn wir sie zu lebenstüchtigen und selbstbestimmten Menschen erziehen möchten. Ich könnte aus meinem Schulalltag natürlich auch Beispiele für allzugut gemeinte und übertriebene Unterstützung aufzählen. Stichwort Helikoptereltern.  Man kann aber das eine tun und das andere dennoch nicht lassen!
    Zwei interessante Fakten zu diesem Thema sind mir  in den letzten Tagen ins Auge gesprungen.
    Laut einer Auswertung von rund 60000 Persönlichkeitstests aus der Zeit zwischen 1992 und 2015 sind die jungen Menschen entgegen den Erwartungen immer weniger narzistisch veranlagt. Evaluiert wurden Führungsverhalten, Eitelkeit und der Anspruch, anderen Menschen überlegen zu sein. Sog. Shell-Jugendstudien zeigen, dass soziales Engagement und Wertschätzung von Freundschaft unter Jugendlichen zunehmen. (Quelle: GEO 2/18)
    Die Jugendkriminalität ist in der SChweiz so tief wie nie zuvor. Seit dem Rekordhoch von 2010 von über 10 000 Jugendstraftaten sank die Jugendkriminalität stetig auf aktuell 6000 Straftaten pro Jahr. (Quelle: Schweiz am Sonntag, 24.12.16)
    Ob diese frohe Botschaft aufgrund der Verschiebung der Konflikte auf soziale Medien allenfalls eine Fehlinterpretation ist, kann ich nicht beurteilen.
    Ich bleibe aber nach wie vor optimistisch was unsere Zukunft betrifft und versuche einen kleinen Beitrag dazu zu leisten.

    Elisabeth

     

  • Monika Hengartner
    29.01.2018 16:36 Uhr

    "Ich bleibe aber nach wie vor optimistisch was unsere Zukunft betrifft und versuche einen kleinen Beitrag dazu zu leisten."

    Liebe Elisabeth, Da kann ich dir aus ganzem Herzen beipflichten: "Ich auch!/Metoo!" Meine Wahrnehmung mit Kindern ist auch, dass diese auffallend stark ihre eigenen Grenzen wahren und sich auch in Gruppen noch selber spüren können. Sie sind wach und willens, ihren Beitrag  zu leisten für ein faires Miteinander. Mädchen und Buben je unter sich wie auch miteinander. Ich nehme ein kribbelig schönes miteinander und voneinander lernen wahr - bei dem auch ich ein Teil vom Ganzen sein darf und bin. Ein Geschenk!

    "Kuschelpädagogik" empfinde ich als einen bewusst abwertend eingeführten Begriff von Menschen, die gerne Sein und Schein (für immer?) getrennt haben möchten. Die Wörter "geringe", "übertrieben" und "vermeintliche", die du aus Wikipedia übernommen hast, die sind ja alles andere denn sachlich... und wenn man sie ersatzlos aus dem Text streicht, so kommt doch schon eine recht gute Pädagogik zum Vorschein...

     

     

  • tanja s.
    18.02.2018 23:56 Uhr

    Bitte mehr davon! Sie sprechen mir aus dem Herzen! Das wär dann grad ein abendfüllendes Thema für einen Elternabend. Ich staune immer wieder, wie kompetent unsere Schulkinder in vielen Bereichen sind. Selbstbewusstsein, Achtsamkeit, Respekt und Selbstvertrauen - das lernt sich eben nicht beim Stöcklirechnen. Ihr Schreibstil? Einfach WOW!

    Danke!

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