Organspenden leicht gemacht

Eveline Keller, 19.11.2018

Haben Sie sich nicht auch schon mal gewünscht, sie könnten ihr Organ spenden? Zum Beispiel den Kopf abschrauben, bei Föhnlage und Migräne. Oder das Herz fremdplatzieren bei Liebeskummer? Wie schön, wenn das so einfach wäre. Und die Seele? Ist das überhaupt ein Organ oder nicht? Aufgepasst: Sie zu vergeben, davor wird schon in den Märchen gewarnt.

Stellen sie sich vor, wenn jemand einen Wunsch hätte, könnte er nur bei Zalando bestellen und flugs würde ihm das begehrte Stück zugestellt werden, passend nach Grösse, Gewicht und Blutgruppe. Doch so einfach geht das nicht und wird es hoffentlich auch nie sein.

Ich hatte mal einen Arbeitskollegen, dessen Lunge unheilbar krank war und sein Schicksal schien besiegelt. Seine einzige Alternative bestand darin, sie durch eine gesunde Lunge zu ersetzen. Die Chancen standen Fifty-fifty. Nach der Operation konnte er sich leider nur kurz durchatmen. Sein Körper stiess das fremde Teil ab, das heisst, er musste diese Reaktion mit einer sehr hohen Dosis Antibiotika bekämpfen. Der Kampf in seinem Körper zehrte ihn aus, und er schien nur noch aus Haut und Knochen zu bestehen. Als weitere Folge durfte er nie mehr in die Sonne, es drohte die Gefahr eines Sonnenbrandes, was für ihn nun lebensgefährlich war. Auch ein einfacher Schnupfen konnte tödlich für ihn werden. Als ihn dann die Medikamente drohten blind zumachen, resignierte er und starb.

Sein Weg kommt mir immer wieder in den Sinn, wenn ich an Organspenden denke. Ich habe mich oft gefragt: Was würde ich in so einer Situation tun? Würde ich mich von Anfang an, aufs Sterben vorbereiten? Oder würde ich mich an jeden Strohhalm der Hoffnung klammern und mein Leben mit einem Ersatzorgan verlängern wollen. Das, wie das Beispiel des Kollegen zeigt, keine Garantie für Erfolg birgt.

Eine nicht repräsentative Umfrage in meinem Bekanntenkreis hat ergeben, dass vier von fünf Befragten für eine Organspende sind. Somit dürften die Ärzte, nachdem sie ihren den Hirntod festgestellt haben, die notwendigen Organe entfernen. Spontan meine ich, selbstverständlich kann man sich bei mir bedienen, wenn denn Teile von mir genug funktionstüchtig sind, um das Leben von anderen zu verbessern. Es gibt recht viel Erstaunliches über Organspenden zu wissen und die Wissenschaft hat phänomenale Fortschritte gemacht. Eine Freundin erzählte mir von dem jungen Mann, der ein Stück seiner Leber seinem Cousin gespendet hat, und dass ihm diese wieder nachwachsen würde.

Trotzdem sollten wir nicht leichtfertig damit umgehen, und die Vorstellung, dass man in Zukunft sich einfach wie in einem Ersatzteillager bedienen und sich die maroden Organe ersetzen lassen könnte, bleiben hoffentlich Fantasie.

Ich verstehe die Beweggründe des Organisationskomitees, das sich für mehr Spenden einsetzt. Bisher bestand das System auf Freiwilligkeit, mit dem Ergebnis, dass viele aus Unsicherheit oder aus Unwissenheit nichts unternahmen. Oder weil sie im Innersten doch nicht dazu bereit wären. Sich einen Spendenausweise machen lassen und sich registrieren lassen, da ist man gleich um die Datensicherheit besorgt. Auch das hat viele abgeschreckt.

Um dem entgegen zu wirken, spricht es dafür, dass, ginge es nach dem Initiativkomitee, die Spiess umdreht und jeden zu einem potentiellen Organspender erklärt. Es sollen sich diejenigen, die ihre Organe nicht spenden wollen registrieren lassen. Es ist jedoch von unwahrscheinlich, dass man jemanden stillschweigend zu einer Spende verpflichten kann.

Meine Hoffnung ist, dass durch die Initiative, die Menschen aufgerüttelt werden, sich aktiv mit der Thematik auseinanderzusetzen.

Wenn wir zu viele Organe zur Verfügung hätten, wäre keine Initiative nötig. Jährlich sterben zirka 100 Personen in der Schweiz, weil sie vergebens auf eine Organspende gewartet haben. Jahrelang bewegten sich die Ärzte in einem Graubereich. Als gutgläubiger Bürger nahm ich an, die sie schauen schon, dass sie zur rechten Zeit an die nötigen Organe kommen. Es gab Gerüchte, dass sich Chirurgen bei potentiellen Spendern einfach bedienten. Oder dass die Organe gehandelt werden und sich damit viel Geld machen liesse. Fakt ist, dass die gespendeten Organe kostenlos sind. Das finde ich sehr beruhigend. Dass jedoch 577 Patienten letztes Jahr transplantiert wurden und knapp dreimal so viele, weiter auf eine Organspende warten, das habe ich nicht gewusst.

Auch im Nachbarsland Deutschland ist eine Diskussion darüber entbrannt, allerdings ist dort das Verhältnis siebenmal grösser. Kein Trost, aber immerhin.

Stellen Sie sich vor, sie sind ein potentieller Spender und als solcher in ein Register eingetragen. Würden sie in Zukunft bei jedem grösseren Fest, bei dem sie bisher ungehemmt Alkohol konsumiert haben, daran denken, dass das ihrer Niere schaden könnte, und sollten sie sie einmal spenden wollen, kaum noch zu was taugen würde? Ist diese Frage überhaupt Zielführend? Oder verleitet es erst recht dazu, sich zu betrinken, denn schliesslich ist das immer noch 'mein Organ'!

Oder erhält man in Zukunft bei der Krankenkasse Bonus-Punkte, wenn man sich zum Organspenden eintragen lässt, oder ein Organ aktiv spendet? Ich meine, irgendwas könnten die doch springen lassen, wenn sich Menschen für die Erhaltung von weiteren Kunden verdient machen. Nur, tatsächlich sieht das aus Kostensicht gar nicht günstig aus. Die teure Vorbereitung, die Operation und schliesslich die lebenslange Einnahme von Medikamenten, da summiert sich was. Zudem haben die Arzneien oft starke Nebenwirkungen, die wiederum andere Organe angreifen und krank machen.

Eine Organspende kann jemandem eine grosse Erleichterung im Leben bringen oder ihn in einen Teufelskreis schicken. Die Risiken und Nebenwirkungen sind zwar bekannt, aber keiner kann genau sagen wie es herauskommt. Es werden nur Wahrscheinlichkeiten rumgereicht.

Nur eines ist gewiss: Sterben tun wir alle. 

1  Kommentar

  • Petra Lienhard-Baum
    05.12.2018 13:20 Uhr

    Liebe Eveline. Du hast dich wirklich sehr ernsthaft mit diesem Thema auseinandergesetzt. Ich danke dir dafür. Du hast mir jetzt das Thema Organspende noch komplexer gemacht. Ich wünsche dir eine entspannte und besinnliche Adventszeit. Liebe Grüsse Petra

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