Mord und Totschlag

Silvia Trinkler, 24.06.2018

Einstein soll einmal gesagt haben: „Wenn die Bienen aussterben, haben die Menschen noch vier Jahre zu leben.“ Wenn ich an die Einflüsse der Hormone auf unser Fortpflanzungsverhalten und die Lebensfreude denke, komme ich zum Schluss, dass wir nur tanzen, wenn die Pheromone der Bienen es ebenfalls tun.

Ein Gedanke fliegt zu meinen „Meielis“. Die junge Maja hatte eine tolle Kinderstube. Eine sehr gute Erziehung und optimale Nahrung für schnelles Wachstum. Sie wurde von ihren Tanten und Schwestern umsorgt. Ihre Mutter hatte sie nie kennen gelernt, aber das war für sie nicht weiter schlimm. Nein, im Gegenteil. Alles Andere gäbe Mord und Totschlag und würde das Volk entzweien und schwächen. Sie musste direkt nach der Geburt ihre noch nicht geschlüpften Königinnen-Schwestern töten. Nach dem Schlüpfen krabbelte sie zwischen den Waben und den vielen Arbeiterbienen hindurch und suchte anhand der pfeifenden Geräusche ihre kurz vor dem Schlupf stehenden Konkurrentinnen. Mit ihrem Stachel durchbohrte sie die Weiselzellen. Wie mit einem Dolch. Da ging es um Leben oder Tod! Hormonell vorgegeben.

Das ist die dramatische Realität einer frisch geschlüpften Bienenkönigin. Wenn sie ihr eigenes Volk führen wollte, hatte keine Mitstreiterin Platz. So etwas wie ein Co-Präsidium oder Jobsharing kennen die Apis mellifera nicht. Straff organisiert, auf die grundlegenden Überlebensstrategien reduziert und trotzdem ein Produktionsbetrieb wie in der Industrie.

Für die Männer im Haushalt, die Drohnen, interessierte sie sich nicht. Die trugen nichts zum Gemeinwohl bei, sie liessen sich das Essen servieren und sonnten sich auf dem Flugbrett. Nachmittags flogen sie aus und trafen ihre Mitbewerber hoch in der Luft an den Drohnensammelplätzen; alles durch die Pheromone gesteuert. Sie wurden geboren um eine Jung-Königin zu begatten. Wer Erfolg hatte, der starb und wer im August noch nicht gestorben war, wurde entsorgt. Über den Winter konnte das Volk keine untätigen Familienmitglieder brauchen, die man auch noch wärmen und pflegen musste. Der Winter war für die Königin und die Winterbienen hart genug.

Kurz nach der Geschlechtsreife ging es los. Die ranke und schlanke junge Königin Maja flog täglich aus und begab sich zu den Sammelplätzen der potenten Männer. Zuvor parfümierte sie ihre Arbeiterinnen mit ihrem eigenen Pheromon, damit diese sie nach dem Ausflug wieder als ihr Oberhaupt anerkannten. So wie sie –  hormonell gesteuert – genau wusste, wohin sie fliegen musste, so witterten die Drohnen dass sie im Anflug war. Pheromone. Die aufmerksamsten Drohnen nahmen sie in Empfang und eine wilde Verfolgungsjagd begann. Der Himmel dröhnte – Drohnenhimmel – der schnellste erwischte sie und erledigte sein Geschäft im Flug. Für ihn war es Selbstmord.  Die einzige Möglichkeit das Überleben der eigenen Gattung in dieser Welt zu sichern. Ein paar Kollegen hatten ebenfalls die Chance einmal im Leben Sex zu haben und danach vom Himmel zu stürzen und tot unten aufzuschlagen. Brutal!

Maja flog an mehreren Tagen hintereinander aus. Dann hatte sie genug Spermien gesammelt um 4 – 6 Jahre wie eine Maschine Eier legen zu können. Der arbeitsreiche Alltag begann und sie legte täglich bis zu zweitausend Eier in die sauber vorbereiteten Waben. Ein Ei pro Zelle, für jede Biene eine eigene Wiege trotz Massenproduktion. Die Größe der einzelnen Waben bestimmt ob die Königin ein befruchtetes Arbeiterinnen-Ei oder ein unbefruchtetes Drohnen-Ei legte. Arbeiterinnen wissen vom ersten Tag an was sie zu tun haben. Aus welchem Ei eine zukünftige Königin gezogen würde, das wäre übrigens der Entscheid der Arbeiterinnen.

In der kurzen Zeit ihres Lebens üben sie mehrere Berufe aus. Direkt nach der Geburt reinigen sie die Waben und füttern die Brut, mittelalte Schwestern arbeiten am Rand der Behausung, nehmen den Nektar entgegen, produzieren Wachs und Propolis, dichten ab und bauen den Bienenstock aus. Da gibt es keine Diskussionen. Im letzten Drittel ihres Lebenszyklus werden sie dann noch als Wächterinnen und Sammelbienen eingesetzt. Diese bestäuben rund 80% der Obst-, Beeren- und anderer Kulturpflanzen sowie Wildpflanzen. Keinem Mitglied eines solchen Staates wird es langweilig. Im Sommer werden sie etwa einen Monat alt, im Winter sechs bis sieben Monate.

Im Hochsommer wächst der Bienenstaat zu einer Größe von bis zu 60’000 Arbeiterinnen und ein- bis zweitausend Drohnen. Eine einzige Königin hält diesen Staat zusammen. Dank der Pheromone.

Im Gegensatz zu uns Menschen wissen die Bienen immer genau was zu tun ist. Uns hingegen ist genau wegen der Hormone oft nicht bewusst was wirklich zu tun wäre.

 


6  Kommentare

  • Ivana
    26.06.2018 21:34 Uhr
    Durchgesteuert. Durchgelenkt Zielstrebigkeit bis zum bitteren Ende. ....,cara lillila deinen Text finde ich supet und lässt meine Gedanken kreisen und meine Phantasie blühen
  • Gaby Kratzer
    28.06.2018 13:48 Uhr

    Liebe Sivia

    Ich bin erschöpft, nur schon vom lesen. Natürlich wusste ich, dass so ein Bienenleben kein "Zuckerschlecken" ist. Aber so? Das ist ja Stress pur. Haben die auch Beraterbienen? Haben Bienen kein Burnout? Und Bienen wissen immer, in welchem Drittel des Lebens sie sich gerade befinden? Spannend. Bei uns Menschen wissen nicht immer alle, in welchem Stadium sie sich gerade befinden. Frauen mittleren Alters (wie alt ist man dann?) die sich bei Miss Sixty noch Klamotten kaufen und sie sogar draussen in der Öffentlichkeit tragen. Aber dennoch: Ich bin froh Mensch in der Schweiz zu sein. So ein Arbeiterstaat mit, wie meine Vorschreiberin schon geschrieben, Durchgesteuert, Durchgetaktet und das bis zum bitteren Ende. NEIN DANKE.

    Nun bin ich, nicht nur wegen Deinen Zeilen aber grad wieder etwas mehr, DANKBAR, dass ich es so gut habe.

    Vielen Dank auch Dir Silvia und liebe Grüsse

    Gaby

  • Anna Klassen
    01.07.2018 13:35 Uhr

    Liebe Silvia

    Danke. Interessant, was ich da so alles über Bienen erfahre und was du alles recherchiert hast für so einen Text. Ich bewundere deine Geduld für so etwas. Also, das Männerdasein ist kein Zuckerschlecken bei den Bienen. Denn sie tragen weder zum Gemeinwohl bei, noch machen sie etwas anderes als konkurrieren und begatten, wenn sie Glück haben ;-) Oder habe ich da etwas falsch verstanden?

    Nicht immer zu wissen, was als Nächstes zu tun ist, macht das Leben spannend, uns suchend und menschlich! 

    LG Anna

  • 02.07.2018 06:40 Uhr

    Liebe Silvia

    Deinen Vergleich zwischen Menschen und Bienen finde ich sehr witzig und treffend. Besonders interessant finde ich, dass die Bienen in letzten Drittel ihres Lebens Wächterinnen und Sammlerinnen sind und diese überaus wichtige Aufgabe des Bestöubens ausüben. Wenn wir da den Vergleich zu uns Menschen wieder ziehen, zeigt das doch, wie wichtig das letzte Drittel unseres Lebens ist und welche Aufgabe wir im übertragenen Sinn dann haben. 

    Schön und interessant geschrieben. Was mir aber ein kleines kleines bisschen aufgestossen ist, ist der Name Maja. Der ist mir in diesem Zusammenhang zu sehr Klischee und Zeichentrickfilm und passt mir nicht so recht für die Königin, wie du sie hier beschreibst. 

    Lieber Gruss

    Benta

  • Eveline
    03.07.2018 19:15 Uhr

    Liebe Silvia

    Sehr spannend. Beim Verzehr von Honig habe ich nie viele Gedanken gemacht, wie er entstanden ist, und vor allem, welche Opfer gebracht werden, nur um ihn zu produzieren. Super interessant.

    Da bin ich doch ganz froh, als Mensch auf die Welt gekommen zu sein.

    Liebe Grüsse

    Eveline

  • Ylenia
    23.07.2018 21:43 Uhr
    Liebe Silvia Ich finde den Vergleich Mensch/Biene sehr witzig. Der Text liest sich sehr gut, hätte gern noch mehr dazu gelesen. Endet zu schnell und ein wenig abrupt.

Schreiben Sie einen Kommentar zu dieser Seite

Antwort auf:  Direkt auf das Thema antworten

Autorinnen und Autoren

Batliner Benita

Batliner Benita

Brechbühl  Werner

Brechbühl Werner

 
Büchel Neuhold, Elisabeth

Büchel Neuhold Elisabeth

Dressler Birgit

Dressler Birgit

 
Hengartner Monika

Hengartner Monika

Keller Eveline

Keller Eveline

 
Klassen Anna

Klassen Anna

Gaby Kratzer

Kratzer Gaby

 
Petra Lienhard

Lienhard Petra

Lüthi Verena

Lüthi Verena

 
Marti-Neuenschwander Monika

Marti-Neuenschwander Monika

Silvia Trinkler

Trinkler Silvia

 
Uetz-Manser Verena

Uetz-Manser Verena

 

Kontakt

Generationen unterwegs
Im Bahnhof
CH-8590 Romanshorn 

E-Mail schreiben

Kontakt

Generationen unterwegs
Im Bahnhof
CH-8590 Romanshorn 

E-Mail schreiben

 
Diese Webseite verwendet Cookies. Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzinformationen