Mandelöl

Werner Brechbühl, 17.09.2018

Die Haustüre öffnet sich, und ich blicke in Tatjanas hellblaue Augen.

„Oh, guten Tag Werner. Schön, dass du da bist. Komm herein, wir können gleich anfangen.“

Tatjana ist Berufsmusikerin. Bei ihr nehme ich seit einem Jahr Stunden für klassischen Gesang. Ich habe diesen Unterricht aus einer Laune heraus angefangen, vielleicht auch, weil ich Tatjana attraktiv finde. Natürlich singe ich wirklich gern. Allerdings sind mir Schubert, Schumann, Loewe und Konsorten nicht wirklich nahe; ich bin Liedermacher und singe meine eigenen Lieder. Aber Tatjana hat mir gesagt, ein wenig Stimmbildung könne mir auch für meine Singerei nicht schaden. Ich habe ihr nicht widersprochen.

Wie ich ins Wohnzimmer trete, bellt mich Tatjanas Hund an. Dabei sollte er mich eigentlich kennen, ich war ja schon öfter da. Vielleicht traut er mir nicht. Naja.

Das Einsingen bringe ich ohne Begeisterung hinter mich. Meine Baritonstimme will heute bei den hohen Tönen nicht so recht. Aber Tatjana arbeitet professionell mit ihren Schülern. Da gibt es auch bei mir keine Ausnahme.

„Du singst gut, aber einfach so drauflos – das geht nicht. Also noch mal die gleiche Übung. Und gut stützen!“

Ich stütze, so gut ich das in meinem Alter noch kann, und dann ist das Einsingen vorbei.

„Für heute habe ich dir ein neues Lied mitgebracht.“

Sie reicht mir ein Blatt.

„Es ist ein Lied von Schumann. Von dem hast du ja auch schon gesungen. Lies es mir mit perfekter Diktion vor; das kommt dir nachher beim Singen zugute.“

Also nehme ich das Blatt und lese:

Du bist wie eine Blume,
So hold und schön und rein;
Ich schau’ dich an, und Wehmut
Schleicht mir ins Herz hinein.

Mir ist, als ob ich die Hände
Aufs Haupt dir legen sollt’,
Betend, dass Gott dich erhalte
So rein und schön und hold.

„Gefällt dir der Text?“ Tatjana schaut mich erwartungsvoll an.

„Ähm...“ Ich lasse mir etwas Zeit. „Nun ja... ein bisschen schwülstig ist das schon. Stell dir vor, ich würde dir meine Hände aufs Haupt legen...“

Tatjana lächelt maliziös. „Dazu gibt es nun wirklich nicht die geringste Veranlassung. Und wenn schon – Heine hat diesen Text möglicherweise für eine unerwiderte Liebe geschrieben. Und Schumann ist ein Romantiker. Also, willst du das Lied lernen?“

Klar will ich. Ich habe nichts gegen Romantik.

Die Melodie gefällt mir. Ich singe, und Tatjana begleitet mich auf dem Klavier. Aber schon nach der ersten Strophe unterbricht sie.

„Werner, du darfst jetzt nicht so singen, wie du es als Troubadour gewohnt bist. Du kennst ja inzwischen schon einige Techniken des klassischen Gesangs. Also, wende sie an. Stell dir vor, du wärst Fischer-Dieskau. Bitte, noch einmal.“

Und so singe ich weiter. Ich gebe alles. Ich werde zu Heine und öffne mein Herz zum Balkonfenster hin. Dahinter weitet sich der Alpenkranz. Eiger und Mönch sind mir egal, das Schreckhorn erst recht. Ich singe nur noch für die Jungfrau.

Kurz darauf ist die Gesangsstunde zu Ende.

Tatjana schaut mich nachdenklich an und nickt ein paarmal. „Das machst du sehr gut. Du hast wirklich eine schöne Stimme. Es ist eigentlich schade, dass du nicht eine Sängerkarriere angestrebt hast. Ich glaube, du wärst bestimmt gross herausgekommen. So wie du jetzt gesungen hast – das klang für mich wie Mandelöl. Wunderbar.“

Das wäre jetzt so ein Hand-aufs-Haupt-legen-Moment, denke ich. Doch ich lasse ihn verstreichen, und so braucht auch der Hund nicht zu bellen, wie ich Tatjanas Wohnung verlasse.

Beim Heimfahren klingt die lobende Stimme meiner Lehrerin noch in mir nach: „Das klang für mich wie Mandelöl. Wunderbar.“ Ich muss an einer Ampel halten und tagträume mich an die Mailänder Scala. Ich bin ein gefeierter Sänger, auf der gleichen Stufe wie Domingo, Pavarotti und Carreras. Alle Damen werden schwach und liegen mir zu Füssen. Oder sind vereint in Standing Ovations. Wolke Siebeneinhalb mindestens.

Der Fahrer hinter mir hupt zweimal und zeigt mir im Rückspiegel den Vogel. Verdammt. Ich stehe nicht auf der Bühne, sondern an einer hundsgewöhnlichen Kreuzung, und die Ampel leuchtet im kräftigsten Grün.

Zuhause fragt mich meine Frau, wie es in der Gesangsstunde gewesen sei. Ich erzähle ihr vom neuen Lied. Und weil ich kein schweigend geniessender Kavalier bin, sage ich ihr, wie mich Tatjana gelobt hat und erwähne vor allem auch nachdrücklich den Mandelölvergleich.

Meine Frau hebt eine Augenbraue. Sie lächelt mich an.

„Ja, ich verstehe. Das Mandelöl – das ist wirklich eine wunderbare Sache.“ Ihre Augen blicken mild. „Ich habe es unseren Kindern, als sie noch Windeln trugen, jeweils auf den wunden Hintern geschmiert."

1  Kommentar

  • Gaby Kratzer
    11.10.2018 12:03 Uhr

    Lieber Werner

    Da sehen wir deutlich, wie schnell Mann von Wolke 7 1/2, die Sterne schmeichelnd, auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden kann. Nicht erstaunlich ist, dass wir Frauen dem gleichen Phänomen ausgeliefert sind. Auch unsere Träume werden viel zu oft zu schnell ins Hier und Jetzt zurückgeholt. Ob von uns selbst oder von unserem Gegenüber.

    Lassen wir uns doch einfach unsere Träume nicht vermiesen. Egal, ob es Chancen gibt auf Erfüllung eines Traumes. Dafür sind Träume da, dass man sie träumen darf. Mit eigenen Farben ausfüllen und den Ablauf selbst bestimmen.

    Ich war schon so oft Lottomillionärin und habe mir ausgemalt, wie, also sinnvoll, ich die vielen Taler investieren könnte. Aber die Taler blieben bis anhin aus und ich bin trotzdem noch immer glücklich und mache (fast) immer was ich will.

     

    Vielen Dank für den Einblick in Deine (zukünftige ?) Gesangskarriere. Ich bin gespannt.

     

    Liebe Grüsse

    Gaby Kratzer

     

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