Ich brachte es nicht fertig, ihre letzte Ruhe zu stören

Beatrice Stössel, 19.11.2018

Alle, die meine Mutter kannten, würden mir zustimmen. Sie war eine Frau, die viel erreicht hatte. Aufgewachsen in einem schmucken Haus im kleinen Walliser Dorf Mörel, mit einem Garten davor und dem Plumpsklo dahinter. Von dort wanderte sie aus in die große weite Welt, und das war für sie: die Landi 1939 in Zürich. Es kam, wie es kommen musste, die Männer umwarben die hübsche Walliserin, und mein Vater ging als Sieger hervor. Sie gründeten eine Familie und bekamen zwei Töchter. Mit Papa eröffnete sie ein Fachgeschäft für Büromaschinen und wurde Geschäftsfrau, lernte die Buchführung und schmiss den Laden intern, während mein Vater im Außendienst die Aufträge ranschaffte.

Alles, was sie tat, erledigte sie effizient und perfekt. Sie war ein Energiebündel und hatte das Sagen. So sagte sie mir, dass ich die Handelsschule absolvieren soll, um danach im elterlichen Betrieb mitzuarbeiten.

Trotz eigener Familie war ich auch nach der Hochzeit weiterhin im Geschäft tätig. Das wurde je länger, je nötiger, denn ich bemerkte, dass sich Mama unwahrscheinlich kompliziert anstellte. Alles hielt sie doppelt und dreifach fest und baute Kontrollsysteme ein, die überflüssig und nutzlos waren. War es das Alter? Oder war es eine Krankheit? Ich beobachtete sie scharf, wenn auch möglichst unauffällig, und sorgte dafür, dass ihre Kontrollen auch stimmten, denn es passierten immer häufiger Fehler, was sie verzweifeln liess. Manchmal entdeckte sie ihre Fehlleistungen und bereinigte diese, wie sie dachte, klammheimlich. Doch mir blieben sie nicht verborgen, und ich machte mir deswegen Sorgen. Ob sie vielleicht....? Erinnerungen an die Großmutter wurden wach. An die stets wiederkehrenden Fragen, als wir vor Jahrzehnten auf der Bank vor dem Haus in Mörel saßen, und sie immer wieder wissen wollte: „Wer bist Du?“ Worauf ich ihr erklärte, ich sei die Enkelin. Und sie sich nickend darüber freute. Und kaum hatte das Kopfnicken aufgehört – erneut die Frage: „Wer bist Du?“ –zig Mal hintereinander. Die Diagnose nannte sich damals Arterienverkalkung – heute Alzheimer. Hatte Mama diese Krankheit geerbt? Als sich die Lage verschlechterte, organisierte ich einen Arztbesuch, unter dem Vorwand: „Lasse Dich mal durchchecken.“ Sie akzeptierte ohne zu zögern, und wir fuhren gemeinsam zum Termin. Ein Satz von ihr während der Fahrt machte mich sprachlos: „Ich will wissen, ob ich Alzheimer habe!“

Unser Hausarzt schickte sie am Ende der Untersuchung mit der Sprechstundenhilfe ins Labor und deutete mir zu bleiben. Was er zu sagen hatte, bestätigte Mutters Bedenken. „Ihre Mutter hat Alzheimer, noch in den Anfängen, aber auch nicht zu vernachlässigen. Sie sollten Vorsorgemassnahmen einleiten. Sie wird über kurz oder lang nicht mehr für sich verantwortlich sein können. Melden Sie sie in einem Pflegeheim an.“ Die Liste, was ich zu erledigen hatte, war umfangreich und endete mit dem Satz: „Fangen Sie am besten gleich damit an. Es kann schnell gehen.“

Es ging Schlag auf Schlag. Papa starb, noch bevor ich mit dem Auflösen des Geschäftes, des Haushaltes und dem Einrichten ihres Zimmers im Altersheim beginnen konnte. Alles musste ich innerhalb kurzer Zeit erledigen. Zum Glück fühlte sie sich wohl im Heim. Doch ihr Kopf mutierte immer mehr zu einem Spukschloss. Es gab schwere, traurige Momente, und wenn sie gut drauf war, auch lustige, sogar heitere Augenblicke.

Mich beschäftigte fortan der Gedanke, nach ihrem Tod ihr Hirn der Forschung zu überlassen, damit anderen Menschen später geholfen werden kann. Je länger ich darüber nachdachte, desto sinnvoller schien es mir, entsprechende Vorkehrungen einzuleiten. So saß ich tagelang an ihrem Sterbebett, hielt ihre Hand und liess Erinnerungen vor meinem geistigen Auge vorbeiziehen, bis sie den letzten Atemzug tat. Es war dies eine kostbare Zeit, die wir miteinander verbrachten, auch ohne Worte.

Danach allerdings musste ich zu einem Entschluss kommen und je nachdem handeln. Musste organisieren, dass ihr Körper ins Forschungslabor und zurück reisen konnte. Den Verwandten erklären, weshalb sich die Beerdigung hinziehen werde. Mit den Behörden Kontakt aufnehmen und verhandeln und mit weiss Gott was für Stellen ungewohnte Vorgänge regeln.

Mich quälte die Vorstellung, dass ihr Schädel aufgesägt und das Hirn entnommen werde. Und dann, was würde dann passieren? Wie würde die Leiche danach aussehen? Würde ich Mama kopflos beerdigen müssen, sozusagen ohne Gedächtnis, welches sie zwar schon verloren hatte, das jedoch emotional zu ihr gehörte? Sollte ich ihre Ruhe stören, die sie nun endlich gefunden hatte? Und hätte sie das so gewollt? Zweifel nagten an meinem Entschluss, der Forschung zu dienen. Meine Skrupel wuchsen. Was sollte ich tun? Wie entscheiden? Meine Schwester hatte alles mir überlassen. Sie wollte zur Beerdigung anreisen. Mehr nicht.

Ich überhörte das Klopfen an der Türe. Erst als die Hand der  Pflegerin sich sanft auf meinen Arm legte, kam ich wieder in der Gegenwart an. „Es ist Zeit, Ihre Mutter muss eingesargt werden. Sagen Sie uns bitte, wie es weitergehen soll.“ Hände fuhren tröstend über meinen Rücken. „Es geht ihr gut, sie ist erlöst“, flüsterte sie mir zu. „Schauen Sie ihrer Mutter ins Gesicht und behalten Sie sie so in Erinnerung.“ Und ganz plötzlich sah ich klar: Meine Mama sollte auf ihrem letzten Weg keinen Umweg fahren, das hatte sie zu Lebzeiten zur Genüge getan. Ich brachte es nicht fertig, ihre letzte Ruhe zu stören. Die Forschung wartete vergeblich auf ihr Hirn.

2  Kommentare

  • Verena Uetz
    25.11.2018 17:09 Uhr

    Ganz gute, authentische Geschichte. Man glaubt dir, dass du die Situation selbst erlebt hast. Ich gratuliere, liebe Beatrice, 

    Verena U.

  • Petra Lienhard
    05.12.2018 13:24 Uhr

    Liebe Béatrice. Deine Mutter hat es dir sicher gedankt. Die Wissenschaft ist sehr gut, aber nicht für alles. Ich wünsche dir eine entspannte und besinnliche Adventszeit. Liebe Grüsse Petra

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