Ich bin froh, dass ich dem Fräulein keine weiteren Fragen gestellt habe

Werner Brechbühl, 17.01.2018

Ob wir noch Fragen hätten, meinte die Polizeiadjunktin („Ich bin Fräulein X.“) damals vor fast 50 Jahren an einem Fortbildungskurs für Oberstufenlehrer zum Thema „Sexualität“, nachdem sie uns zwei Stunden lang die Hölle damit heiss gemacht hatte, wie wir beim Unterrichten ständig mit einem Bein im Gefängnis stünden, was sie mit drastischen Beispielen aus ihrer Praxis zu belegen versuchte. Vor allem die Sache mit dem Berühren von Schülerinnen stand im Vordergrund. Wie es denn im Turnunterricht aussehe, fragte ich. Ob ich eine Schülerin lieber verunfallen lassen solle, nur damit man mir keinen Übergriff bei der Hilfestellung unterstellen könne? Im Zweifelsfall schon, antwortete sie, und ich wusste, dass alle weiteren Fragen für die Katz sein würden.Längst gibt es keine Fräuleins mehr. Doch nun ist der #metoo-Flächenbrand entfacht worden. Eine ständig zunehmende Zahl von Frauen solidarisiert sich in einer undifferenzierten Opferrollenkampagne. Dümmliche Männeranmache und schwere sexuelle Verfehlungen landen so oft im selben Topf, manchmal erst Jahrzehnte später.

Ich bin versucht, das Ganze als hysterischen Aufschrei ohne Folgen zu werten. Das wäre aber schlimm. Der gegenseitige Respekt, die Gleichberechtigung der Geschlechter ist ein kostbares Gut. So akzeptiere ich nicht, dass #metoo-Frauen einfach aus der Opfer- in die Verfolgerrolle switchen. Ich lasse mich nicht ins Bockshorn jagen und spotte nicht darüber, dass Mann nun wohl nicht mehr mit einer Frau in den Lift dürfe und so weiter. Das ist Quatsch. Ich werde mich nicht in einem imaginären #metoo-Minenfeld verlaufen und mich in selber gemachter Verunsicherung von den Frauen zurückziehen. Ich werde mich auch nicht fremdschämen für alle übergriffigen Männer. Ich traue mir zu, im Alltag zwischen Komplimenten und Belästigungen zu unterscheiden und notfalls andere Männer ohne neuen Knigge daran zu erinnern.

Was kann ich noch tun? Ich ermuntere Frauen, daran zu denken, dass nieMannd alles richtig machen kann. Dass zwischenmenschliches Verhalten situativ und subjektiv wahrgenommen wird und dass Sympathie oder Abneigung eine grosse Rolle spielen, wenn es um persönliche Nähe geht.Ich fordere Frauen auf, sich sofort gegen jegliche Übergriffe zu wehren und klar festzuhalten, wen es betrifft und worum es geht. Mit dieser Forderung bin ich nicht allein. Ich weiss, dass sie oft nur schwer umzusetzen ist. Opfer eines sexuellen Übergriffs haben einen eigenen Bezugsrahmen, der es ihnen leichter oder schwieriger macht, sich zu wehren. Deshalb fängt für mich die Sensibilisierung in jeder einzelnen Familie an, in der gegenseitigen Wertschätzung, in der Gleichstellung der Geschlechter, in einer konsequenten Erziehung der Kinder im Vertrauen darauf, dass sich trennende Denk- und Verhaltensmuster prozesshaft durch ein liebevolles Miteinander ersetzen lassen.

Noch etwas: Ich bin froh, dass ich dem Fräulein keine weiteren Fragen mehr gestellt habe. Es hätte sie kaum begriffen. Damals.

2  Kommentare

  • J. Kuster
    18.01.2018 22:44 Uhr

    In diesem Text wird ein schwieriges Thema einfühlsam und gekonnt auf den Punkt gebracht. Auf diese Weise wird es möglich, die diffizile Thematik mit gesundem Menschen-verstand zu betrachten.  

  • Monika Hengartner
    19.01.2018 11:20 Uhr

    Lieber Werner  Ja, wahrnehmen, was ist, was läuft, was geht. Prüfen können, was stimmt und stimmig ist. Ich lese aus deinen Worten, die du gleichzeitig spielerisch leicht und vertrauenswürdig echt zu gebrauchen verstehst, eine helle, klare Kraft.

    Mit deinem Text gibst du Einblick in den grossen Wert von ge-meisterten Lebenserfahrungen und einen wertvollen Ausblick, mit welcher Haltung wir uns zuversichtlich vorwärts bewegen.  "Ich traue mir zu, im Alltag zwischen Komplimenten und Belästigungen zu unterscheiden..."  Ich mir auch. Und genau in diesem erlernten, fähigen Handeln, im Alltag, unterscheiden zu können, was ist gut, echt, wahr, und was ist aufgesetzt, scheinheilig, geheuchelt, erkenne ich einen Wert. Daraus erwächst eine wohltuende Gelassenheit.

    Hinfallen. Aufstehen. Krone richten. Weitergehen. Orientieren wir uns am Königlichen in uns, werden wir zu Königinnen und Königen und gehen entsprechend respektvoll, lebensberechtigt, miteinander um! Wunderbar.

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