Huch - ein Mann: eine kurze Geschichte über den kleinen Unterschied und seinen grossen Folgen

Werner Brechbühl, 12.12.2017

Die Operation war erfolgreich verlaufen. Vor wenigen Stunden hatten sie den älteren Mann vom Aufwachraum zurück ins Spitalzimmer gebracht. Nun lag er auf seinem Bett und schaute aus dem Fenster. Es war später Nachmittag, der wolkenverhangene Himmel begann sich allmählich zu verdunkeln. Ein böiger Wind, dessen Kälte der Mann nur erahnen konnte, trieb Herbstlaub über die Wege des Parks, den er in seinem Gesichtsfeld hatte. Bald würde der erste Schnee im Unterland fallen; der Wetterbericht hatte ihn seit Tagen angekündigt.

Sein Zimmernachbar neben ihm schlief unruhig mit unregelmässigen, kurzzeitigen Atemaussetzern, die er mit laut schnappenden Schnarchgeräuschen beendete. Das leise Klopfen an der Türe kündete eine der zahlreichen Pflegerinnen an, die ihn in den nächsten Tagen betreuen würden. Die kleine, etwas rundliche Frau, begrüsste den Mann mit einem herzhaften Lächeln. Unwillkürlich wollte er sich ein wenig aufrichten, aber der Schmerz fuhr wie ein Messer durch seinen Unterleib. Mit einem gepressten Laut liess er seinen Kopf auf das Kissen zurücksinken.

„Das dürfen Sie auf keinen Fall“, sagte die Pflegerin. „Ihr Bauch wurde erst vor ein paar Stunden operiert. Die Physiotherapeutin wird Ihnen gleich nachher zeigen, mit welchen Vorkehrungen Sie Schmerzen verhindern oder erträglicher machen können, etwa beim Aufstehen, oder wenn Sie husten oder niesen müssen.“ Sie schob das multifunktionale Aufzeichnungsgerät für Blutdruck, Puls, Sauerstoffsättigung des Blutes und andere Werte an sein Bett. „Reden wir doch gerade zuerst über Ihre Schmerzen. Stellen Sie sich eine Schmerzskala von null bis zehn vor. Mit welcher Zahl würden Sie Ihre gegenwärtigen Schmerzen beziffern? Ich muss diesen Wert nachher aufschreiben.“ Sie deutete auf das Gerät neben sich und blinzelte schelmisch. „Hier werden Sie nämlich ständig überwacht.“

Der Mann schaute sie ratlos an und zuckte die Schultern.

„Keine Ahnung. Wirklich nicht. Ich habe starke Schmerzen, wenn ich mich bewege. Aber eine Zahl? Nein – die kann ich Ihnen beim besten Willen nicht nennen.“ Sie liess nicht locker. „Ich müsste von Ihnen wirklich eine Zahl haben. Als Vergleichswert für später. Angenommen Sie haben heute eine Drei auf Ihrer Skala und morgen eine Fünf, dann wissen wir, dass wir Ihnen mehr Schmerzmittel geben müssen. Verstehen Sie?“ Der Mann zuckte abermals die Schultern. „Ja, ich verstehe schon. Aber ich kann Ihnen keinen Wert für meine Schmerzen angeben. Mir fehlt ein Anhaltspunkt. Schmerzempfindungen sind doch individuell. Wenn wir beide zum Beispiel unsere Schmerzen unabhängig voneinander mit einer Fünf bezeichnen, braucht das nicht zu heissen, dass wir sie gleich stark empfinden.“

Sie ging nicht darauf ein. „Okay“, sagte sie. „Ich gebe Ihnen ein Beispiel, damit Sie sich eine Vorstellung machen können. Als stärkster Schmerz auf dieser Skala, also eine Zehn, gilt der Schmerz einer Frau bei der Geburt. Und jetzt geben Sie mir bitte eine Zahl.“

2  Kommentare

  • J. Kuster
    15.12.2017 16:24 Uhr

    Diese Geschichte ist mit viel Witz und sehr unterhaltsam geschrieben. Man kann sich die Situation sofort in jeder Einzelheit bildlich vorstellen... es macht Freude zu lesen und weckt Lust auf mehr...

  • Monika Hengartner
    18.12.2017 20:37 Uhr

    Ist das eine lebendig schöne Bildergeschichte!

    Und am Schluss herzhaft zum Lachen.

    Da liegt ein älterer Mann nach erfolgreich verlaufener Operation im Spitalzimmer und nimmt rund um sich so vieles und so genau wahr. Das feine Klopfen an der Türe und die rundliche Pflegerin zum Beispiel. Und in sich einen unvergleichlichen, neuen Schmerz. Aus der Geschichte entnehme ich, dass die Pflegerin ihren Dienst tut, nichts als ihren Dienst. Wahrscheinlich hat sie die Schmerz-Werteskala für sich selber noch nie ausfüllen müssen. Jedenfalls gibt sie dem Mann, anstelle von beschreibenden Worten, wie z.B. erträglich=3; schlimm=6; gerade noch zum aushalten=9... die entwürdigende, pauschalisierte Vergleichsmöglichkeit mit einer gebärenden... Frau!

    Auf den Punkt genau beschrieben: Technisch top - menschlich nicht -> eine Bestandesaufnahme der Spitalkultur. Zu wünschen wäre, dass die Pflegerin ihren faux pas sogleich bemerkte und gemeinsam mit dem Mann leise darüber schmunzeln könnte (nicht lachen: das täte ihn noch mehr schmerzen!)

    Vielen Dank für diese tiefsinnige, spielerische Geschichte!

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