Hilfe, ich bin schwanger

Monika Marti-Neuenschwander, 22.02.2018

Internationaler Tag für die Rechte der Frau und den Weltfrieden. Die Frage über Sinn und Notwendigkeit dieses Anlasses in der heutigen Zeit hat sich in meinen Gedanken eingenistet wie eine befruchtete Eizelle in der Gebärmutter. Ich buchstabiere rückwärts und lande bei der Nation. Auch innerhalb der Landesgrenze kommt kein innerer Dialog zustande. Die Reduktion geht weiter. An der Kantonsgrenze vorbei lande ich in meinem persönlichen Lebensgarten. Dort bin ich zu Hause.  Nun ja, mich an vorgeschrieben Tagen an besondere Geschehnisse zu erinnern entspricht nicht meinem Naturell. Ich denke dabei an den Muttertag. Der Mutter und ihren Dienstleistungen einmal im Jahr zu gedenken ist für mich deutlich zu wenig. Genauer ausgedrückt empfinde ich diesen einen Gedenktag als eine grosse Beleidigung.  Ich schätze es, wenn mir täglich Respekt gezollt wird und meine vielen Handreichungen nicht als Selbstverständlichkeit abgetan werden.

Der Unterdrückung den Kampf ansagen - für die Rechte der Frau kämpfen gehört ebenso wenig zu mir wie das feiern von festgelegten Ereignissen. Als Streiterin für eine bestimmte Sache sehe ich mich bedroht und ungerecht behandelt. Im Kampf verteidige ich mein Leben, schütze mich davor zu verlieren. Für eine Überzeugung einstehen macht stark und lässt aufrecht gehen. Je mehr ich mich erhebe, nimmt Licht und Schatten zu. Wenn ich an mich glaube und andere ermutige verbreite ich Hoffnung und stehe auf der Seite des Sieges. Der Gedanke der eingenisteten Eizelle in der Gebärmutter beginnt in mir bildhaft zu werden. Hat eine Befruchtung stattgefunden, halten in der Gefühlswelt einer Frau oft leichte Verstimmungen Einzug. Darauf kann Übelkeit und Erbrechen folgen. Wer zu diesem Zeitpunkt unsicher ist ob die Sache mit dem Kind Möglichkeit sein könnte macht den Stäbchentest. Die Farbe gibt Auskunft, ob es im Wettlauf der Spermien einen Sieger gibt. Verläuft der Test positiv gilt abzuwägen ob ein Wunsch in Erfüllung geht oder ob Nachkommen, die zu früh kommen nicht ins Lebensschema passen. Ist dieser Entscheid gefällt, erfüllt nicht selten ein eigentümliches Leuchten die Augen der Frau. Sie erzählt die frohe Botschaft gerne weiter und beginnt Raum zu schaffen für das Kind. Maxi-Cosi, Strampelhöschen und Kuscheltier finden ihren Platz im hübsch hergerichteten Kinderzimmer. Liebevoll streichelt sie über den grösser werdenden Bauch und wendet sich dem Ungeborenen mit zärtlichen Worten zu. Unbequemes Liegen in der Nacht wird in Kauf genommen. Rückenbeschwerden auch. Mehrmaliges Wasserlösen während der Schlafphase ist selbstverständlich. Durchschlafen verwandelt sich in einen Wunschtraum. Sich bücken wird beschwerlich. Sport treiben gefährlich. Aufgeschwollene Füsse und schmerzende Brüste sind nicht bequem aber durchaus kein Grund zur Beunruhigung. Die Frage, wie das immer grösser werdende Kind durch den Muttermund ins Leben herausgepresst werden soll nimmt Raum ein. Macht Angst. Wir haben jedoch keine andere Wahl. Es heisst, 9 Monate stark zu sein bevor das Unvermeidliche geschieht: Das Kind regt sich. Wehen stellen sich ein. Damit verbunden ein noch nie empfundener Schmerz. Ein Schrei hallt durch die Gebärstation. Ein Fluch. Ich kann nicht mehr. Ich mag nicht mehr. Erschöpfung, bevor das ersehnte Kind das Licht der Welt erblickt.

In mir keimt die Frage auf, ob Geduld und Hingabe der Frau, die Scheu für sich einzustehen, in Zusammenhang mit dem weiblichen Geburtsapparat betrachtet werden kann: Geschehen lassen, was geschieht. Warten, bis die Zeit gekommen ist. Ausharren. Zeigt der physische Schutzmechanismus im Mutterbauch auf, warum es uns Frauen relativ leicht fällt uns beleidigen zu lassen und unser Licht unter den Scheffel zu stellen anstatt unsere Talente frei zu entfalten? Warum wir schönreden und schweigen wenn uns längst übel ist. Und weiter auf das Gute hoffen, wenn eine Situation zum kotzen drängt. Die Assoziation mit der Schwangerschaft könnte eine Erklärung sein warum wir Frauen guter Hoffnung sind, dass sich Ungereimtheiten in einer Beziehung lösen ohne dass wir mutig unsere Meinung äussern. Dass wir lange zögern, den Beziehungsstäbchentest zu machen. Und immer noch grün sehen, wenn rot bereits unübersehbar leuchtet. Was geschieht, wenn wir Frauen uns mit derselben Hingabe um unser Wohlbefinden kümmern wie eine werdende Mutter um ihr ungeborenes Kind? Wenn wir uns achtsam und liebevoll unserem eigenen Wesen zuwenden und schmerzende Konflikte in Kauf nehmen weil wir wissen, dass diesem Vorgang neues Leben entspringt?

Also lasst uns mit Selbstbewusstsein schwanger werden und das Ich im Wir gebären, bevor das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird. Und ja. So gesehen ist der Frauentag für mich eine dringend notwendige Angelegenheit.

1  Kommentar

  • Monika Hengartner
    23.02.2018 17:08 Uhr

    Liebe Monika! Du zeigst er-frischend auf, was da innen und aussen so läuft. Ich danke dir für den Aha-Moment, den du mir ermöglicht hast. Du beschreibst die urweibliche Schwangerschafts-Erfahrung von hingeben, empfangen, ermöglichen, austragen und gebären und verstehst es, diese ganz selbstverständlich in Verbindung zu bringen mit äusseren Lebens-Umständen. Und ich verstehe, je klarer und mutiger wir nicht mehr innen und aussen trennen, sondern innen wie aussen uns zu leben wagen, je weniger sind wir rat-los. Und je mutiger und transparenter wir unsere Innen-wie-aussen-Erfahrungen benennen und mitzuteilen lernen, je reicher werden wir als Geselleschaft und - natürlich - als Gemeinschaft. Herzlichen Dank!

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