Herzkasper

Eveline Keller, 22.03.2018

Wenn das Herz ins Stolpern gerät, nennt man das im Volksmund, einen „Herzkasper“ haben. Ich finde, das ist ein schönes Bild. Wie der Kasperli beim Puppentheater zeigt der Körper dem Betroffenen den Joker und warnt: „Es gilt ernst! Höchste Zeit dein Leben zu überdenken!“

Es gibt viele Gründe weshalb das Herz ins Stolpern gerät, ungesunder Lebensstil, wenig Schlaf, die Trauer um einen geliebten Menschen, oder man hat sich beruflich über längere Zeit übernommen, oder sich über den Chef geärgert.Mit Vorteil wurden die Betroffenen rechtzeitig aufgefunden und mit Blaulicht ins Krankenhaus gebracht. Mit der breiten Aufklärung heutzutage und den allgegenwärtigen, griffbereiten Defibrillatoren, überleben die meisten den ersten Infarkt.

Eine Klinik im Appenzellerland hat sich auf Herzkrankheiten und Burn-out spezialisiert. Fernab der Hektik der Grossstädte, auf dem Land können sich die Patienten erholen. Individuell und auf jeden  zugeschnitten gibt es einen Tagesplan. Das Angebot reicht von Yoga, über Aqua-fit oder Walking, bis zum Schneeschuhlaufen. Begleitet und unterstützt von einem Betreuungsteam, werden zudem Vorträgen geboten, über Ernährung, über Gesundheitskontrolle, für Fitness. Es wird aufgeklärt, wie es zu einem Herzinfarkt oder Burn-out kommen kann. Damit soll bei den Patienten das Bewusstsein wachsen, ihr Leben so zu gestalten, dass sie gesünder sind. Beide, die Kopf- wie auch die Herz-Patienten kämpften sich hoch, um bald wieder in ihr angestammtes Leben zurückkehren zu können.

Die Kopf-Patienten schauten drein wie Uhus, mit ihren, von unzähligen, schlaflosen Nächten dunkel umrandeten Augen, blickten sie gereizt um sich. Zehn Minuten Zeitung lesen, Maximum, dann waren sie völlig entkräftet. Ein Schatten des Menschen, dessen sie mal waren, sassen sie da, wie ausgespuckt und zuckten bei jedem lauten Wort zusammen. Sie wären für Veränderungen bereit, doch solange es in ihren Ohren dauernd läutete, nach zwei Schritten ihr Herz raste und ihnen der kalte Schweiss ausbrach, beim Gedanken nach Hause zu gehen, war nichts zu machen. Am liebsten würden sie sich hinlegen und nie mehr aufstehen. Erst mal mussten sie sich erholen.  

Doch das war unmöglich, denn sie waren von Herz-Patienten umgeben, die das pure Gegenteil von ihnen verströmten. So sehr anders, dass sich die ‚Kopfeten‘ manchmal fragten: Was die wohl für ein Zeug schlucken? Sicher nicht diese Stimmungsaufheller wie man sie ihnen verschrieben hatte, die Übelkeit verursachten, und einem nicht schlafen liessen, wenn man an einem Glas Wein auch nur gerochen hatte.

Die Herz-Patienten alberten schon nach dem ersten Tag des Eingewöhnens herum. Sie machten Party und verliebten sich sogar neu. Ihr offenes Lachen war ansteckend. Sie liefen herum in der Meinung, den Klinikaufenthalt möglichst schnell hinter sich zu bringen. Viele von ihnen waren Raucher, die meisten waren gutgelaunte, kontaktfreudige Menschen. Zu Beginn fassten sie alle grosse Vorsätze, wie das Rauchen aufgeben, den Alkohol reduzieren, fettige Speisen meiden, das Dessert weglassen. Und keine zwei Tage später traf man sie in der Raucherecke vor der Tür, oder an der Bar mit einem Glas Wein in der Hand oder vor einer Portion Eiscreme. Sie gingen mit ihrer Krankheit um, als könnte es sich nur um einen Irrtum handeln. Eine Laune der Natur, was sich sicher bald wieder von selbst einrenken würde. Das war ein gefährlicher Irrglauben für sie. Im Grund fiel es ihnen schwerer, sich die eigenen Schwächen einzugestehen. Die wenigsten hatten begriffen, dass sie ihr Leben nachhaltig ändern mussten, weil sonst - wenn ihr Herz erneut ins Stolpern gerät, könnte es vielleicht zum letzten Mal sein.


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