Hat denn nicht alles seine Zeit?

Petra Lienhard, 19.11.2018

Mein Handy klingelte. «Christof ist im Spital» sagt Katharina. Ich stand völlig neben mir. Christof immer gesund und in Bewegung. Sportlich, agil, ein Tausendsassa. Ich rang nach Worten, «was ist passiert? Wie geht es ihm?» Was war zu tun? Ich muss sofort Oliver anrufen. Sein Bruder war sein ein und alles. Dann einen Termin festlegen, für einen Besuch im Krankenhaus. Wie sind die Besuchszeiten frage ich Katharina? Ach, ihr müsst nichts überstürzen, er liegt im Koma!

Das ist nun schon mindestens 15 Jahre her. Ich werde diesen Tag nie vergessen. Christof hatte ein paar Wochen vorher seinen 60zigsten Geburtstag gefeiert.

Unser Besuch im Spital wurde zu einem erdrückenden Erlebnis. Da lag er, angeschlossen an eine riesige Maschine die laut zischend die Luft einsaugte und im regelmässigen Takt, genauso laut, die Luft in seine Lungen pumpte. Ich war starr vor Entsetzen. Wir standen zu fünft an seinem Bett. Der behandelnde Arzt, Katharina, ihr Sohn Kurt, Oliver und ich. Wir sprachen sehr leise und doch sagte mir mein Gefühl, dass Christof jedes Wort verstand. Entscheidungen sollten getroffen werden. Der Arzt meinte, es würde keinen Sinn machen, die künstliche Beatmung weiter aufrecht zu erhalten. Das Krankenhaus sei überbelegt, Betten würden gebraucht. Ich war fassungslos. Wo blieb der Respekt vor dem Leben eines Menschen. Solche wichtigen Überlegungen müssen doch nicht in nächster Nähe zum Patienten entschieden werden. Für uns war es ein Albtraum. Keiner der Anwesenden ausser Oliver und mir registrierten, dass da ein Mensch im Koma lag. Keiner im Raum verschwendet einen Gedanken, wie viel Christof wahrnahm, was er bei diesen Worten fühlt.

Es sind schon viele Menschen aus dem Koma wiedererwacht!

Christof wurde nicht weiter künstlich beatmet. Es wurde auch keine Organspende vorgenommen. Immerhin ist ihm das erspart geblieben. Wegen des geringen Bettenbestandes transportiere man ihn in ein anderes Krankenhaus. Drei Tage später erlosch sein Lebenslicht.

Dieses einprägende Erlebnis hat mich zu dem Schluss kommen lassen, dass eine Organspende für mich nicht in Frage kommt. Der Gedanke, ausgeräumt zu werden und eventuell alles hören und fühlen zu müssen, wie aus meinem Körper fein säuberlich alles Brauchbare entfernt wird, lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Sicher, es heisst nach dem Hirntod ist der Mensch tot. Aber tote Organe können nicht verpflanzt werden. Das steht so fest wie das Amen in der Kirche. Warum können wir Menschen nicht akzeptieren, wenn unsere Zeit gekommen ist?

2  Kommentare

  • ursula
    20.11.2018 09:35 Uhr

    Hallo Petra

    Auch ich habe eine Erfahrung in diese Richtung gemacht. An einem Morgen bekam ich ein Telefon von einer Bekannten die mir sagte dass in der Zeitung die Todesanzeige einer meiner Freundinnen war. Ich war geschockt und habe dann nachgefragt und es stimmte.  Wir hatten ein Jahrelang sehr gutes Verhältniss zueinander dass in den letzten Wochen etwas abgeschwächt war. Ich bin Gotte Ihrer Tochter und hatte mit dem Mann meiner Freundin keinen guten Draht mehr. Keinen schlechten aber irgendwie passte es nicht mehr so recht. Ein paar Tage vorher hatte ich mit meiner Freundin noch telefoniert und sie hat mir gesagt dass sie im Spital sei und am anderen Tag operiert würde. Sie habe da eine Ausbuchtung von einer Wehne im Kopf dass ihr so starke Kopfschmerzen bereite. Die Aerzte haben eine Operation vorgesehen um dies zu reparieren. Wenn sie nichts tun würden könne diese Wehne platzen und sie sterben...Sie verstarb in dieser Nacht..... Ihr Mann gab viele Organe frei um sie zu Spenden.... Dies wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.... Es gab eine Erdbestattung und wir alle durften sie nochmals ansehen...und uns von Ihr verabschieden... Mir viel einfach auf dass sie sehr eingefallen da lag.... später habe ich Ihren Mann darauf angesprochen und er hat mir bestätigt dass er die Organe seiner Frau spenden liess....

    Die Situation war ziemlich verzwickt und ich konnte ihn verstehen denn er litt selber unter einer Unterversorgung seiner Nieren und musste jeden zweiten Tag an die Dialyse. Also er wartete auch auf eine Spenderniere und die seiner Frau passte nicht. In dieser schwierigen Situation habe ich mich selber stark mit diesem Thema auseinander gesetzt und mich gefragt ob ich selber als Spenderin in Frage kommen würde. Da ich nicht wollte dass mein Gottekind auch noch ohne Ihren Vater aufwachsen muss.

    Mit dieser Unsicherheit und meiner Zerrissenheit habe ich mich informiert, einige Punkte erfahren, die mich bewogen habe keine meiner Nieren zu Spenden. Denn zur Abstossung müssen viele Medikamente eingenommen werden die wiederum die Niere so stark schädigen dass eine solche nach ein paar Jahren wieder ersetzt werden muss. Mit diesem Gedanken konnte ich mich nicht anfreunden. Ich kam zum Schluss wenn die Zeit gekommen ist ist sie gekommen und wir hier auf der Erde haben das zu akzeptieren egal wie schwierig die Situation ist.

    Ich glaube einfach dass hier eine höhere Macht im Spiel ist und wir dies akzeptieren dürfen. Auch wenn es sehr schwierig ist. Dies durfte ich mit diesem Erlebniss lernen und bin dafür sehr dankbar! Dies alles in einem grösseren Zusammenhang zu sehen gibt in mir eine Erleichterung. Natürlich auch für andere Situationen.

    Mit herzlichstem gruss Ursula 43jährig

  • Petra Lienhard
    05.12.2018 11:27 Uhr

    Liebe Ursula. Ich danke dir für deine ausführlichen Zeilen. Du sprichst mir aus dem Herzen. Ich empfinde es genauso. Wenn die Zeit gekommen ist, dann müssen wir es annehmen, wie du so treffend schreibst. Auch wenn es schwer fällt. Ist es wirklich so erstrebenswert sich mit Medikamenten vollzustopfen und dem Wissen ,das das fremde Organ vielleicht eines Tages vom eigenen Körper abgestossen wird?Nur um sein Leben ein wenig zu verlängern? Meiner Meinung nach wird viel zu viel an uns herum manipuliert. Wir werden heute alle älter als früher, wollen wir den ewig leben? Das finde ich ziemlich anmassend.

    In diesem Sinne wünsche ich dir statt einer stressigen, eine besinnliche Adventszeit. Geniesse jeden Augenblick, wir wissen nicht wann es vorbei ist. Herzliche Grüsse Petra

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