Hallo Bundhausladies

Julia Onken, 17.01.2018

Machen Sie Schluss mit dem Affentheater. Ich bitte Sie – auch im Namen vieler Frauen - die Aufregung um die sexuellen Belästigungen Ihrer ehrenwerter Amtskollegen herunter zu kühlen und wieder Ihren Verstand einzuschalten. Wir haben Sie nicht als Volksvertreterinnen gewählt, damit Sie wie verschüchterte Schulmädchen im Hinterzimmer mit ebenso aufgescheuchten Kolleginnen herumtuscheln und mit vorgehaltener Hand über die bösen Buben jammern. Wie können Sie sich denn im politischen Geschäft ernsthaft einbringen, wenn Sie es nicht einmal wagen, in eigener Sache eine unmissverständliche Position zu beziehen! Sie geben ein denkbar schlechtes Modell für eine selbstbewusste Frau ab, die jederzeit in der Lage sein sollte, unflätigem Gebaren und rüpelhaftem Benehmen bestimmt und beherzt Einhalt zu gebieten.

Wir erwarten auch, dass Sie sich dort stark machen, wo sexuelle Übergriffe tatsächlich geschehen, und sich junge Frauen und Mädchen nicht zur Wehr setzen können, weil sie abhängig sind. Ein junges Mädchen wurde kürzlich an mich zur Psychotherapie überwiesen. Sie hatte in ihrer Verzweiflung Schlaftabletten geschluckt und konnte gerade noch rechtzeitig gerettet werden. Ihr Lehrlingschef griff ihr regelmässig unter die Bluse und sie wagte nicht, sich dagegen zu wehren weil sie befürchtete, die Lehrlingsstelle zu verlieren. Da braucht es dringend Ihre gezielte Unterstützung! Ebenso benötigen auch junge Frauen und Mädchen aus patriarchalen Kulturen Schutz – und da gäbe es für Sie weiss Gott genug zu tun!

Und noch etwas. Die Lebensphase „ich werde begehrt, also bin ich“ ist beschränkt. Eh Sie sich versehen, sind Sie im Niemandsland von bewundernden Blicken angekommen. Keine begehrlichen Blicke mehr. Keine Anmache mehr. Alles bleibt stumm. Und statt dies als neue Komfortzone zu verstehen, um den Focus aufs Denken zu nutzen, sind oft neue Klagen zu vernehmen: „wäh, ich werde nicht mehr als Frau wahrgenommen“. Dabei wäre diese Zeit Auftakt für eine neue Herausforderung, nämlich seinen Geist zu schärfen, um mit untrüglichem Blick gesellschaftspolitische Entwicklungen zu beobachten, zu analysieren und wichtige Veränderungsprozesse mit klugen Argumenten voranzutreiben.

3  Kommentare

  • Werner Brechbühl
    22.01.2018 10:28 Uhr

    Deine Kolumne gefällt mir, aber nur keine Angst, liebe Julia. Eine Verwaltungsdelegation der Bundesversammlung hat am 12. Dezember 2017 auf einem Papier für die Angestellten ganz klar den Verlauf der Grenze zwischen Flirt und sexueller Belästigung festgehalten. Ich zitiere:

    Ein Flirt ist eine gegenseitige Entwicklung, ist aufbauend, ist von beiden Seiten erwünscht, stärkt das Selbstgefühl, löst Freude aus, respektiert die persönlichen Grenzen

    Sexuelle Belästigung ist eine einseitige Annäherung, ist erniedrigend, beleidigend, ist von einer Person nicht erwünscht, untergräbt das Selbstwertgefühl, löst Ärger aus, verletzt persönliche Grenzen.

    Dann folgen noch Beschlüsse und Links für weitere Informationen und Anlaufstellen. Du siehst, jetzt wissen die's. Alles klar und unmissverständlich, wie Tempo 120 auf Autobahnen, Rasen nicht betreten, Hunde an die Leine usw. So einfach ist das. 

  • Monika Hengartner
    23.01.2018 09:35 Uhr

    Ich wage anzunehmen, liebe Julia, dass unsere Scheizer Politikerinnen, um deinem Wunsch nach zu kommen, ein gutes Modell abzugeben "für eine selbstbewusste Frau, die jederzeit in der Lage sein sollte, unflätigem Gebaren und rüpelhaftem Benehmen bestimmt und beherzt Einhalt zu gebieten" einfach zu wenig Schauspielunterrricht auf den Weg der politischen Karriere mitbekommen. In einer Schule für Schauspielerinnen würden sie mit Gewissheit lernen, alle möglichen auf sie zukommenden Stuationen mit genau den modellhaft richtigen Gefühlsintensitäten souverän zu meistern. So, dass wir alle, wie im grossen Kino, fasziniert zu ihnen hochschauen könnten.

    Mit Gewissheit gehe ich mit dir einig, dass es noch andere Möglichkeiten gibt, aus "verschüchterten Schulmädchen im Hinterzimmer" selbtbewusste, aufgerichtete Frauen zu entwickeln. Mit dem Erkennen von eigenen psychologichen Mustern, die zu entsprechenden Erfahrungen führen, zum Beispiel. Doch Psychologie und Politik, im heute aktiven System, die sind wohl so gut zu verbinden wie Öl und Wasser: mit viel Gewirbel gehen sie zusammen, bilden einen weissen Schaum und mit der Zeit und Ruhe trennen sie sich wieder. In der erkenntnisarmen Gewissheit, der jeweils andere wisse nicht, was er tue und sei nur mit einem Kraftakt in die gute Gemeinschaft zu holen/bringen.

    Aus der Schulzeit wissen wir, dass z.B. ein Ei dauerhaft Öl und Wasser verbinden kann. Weil es selber beides gut verbunden in sich hat. Dieses Wissen hilft mir, Politikerinnen und Schauspielerinnen gelassen wirbeln zu lassen. So gut ich in mir selber mit den Energien von Öl und Wasser umgehen kann, so wenig haut es mich um, wenn jemand mit der einen oder anderen Kraft nicht umzugehen weiss. Und strauchelt. Doch wohl genau so, wie ein rohes Ei träge ist, bin ich - sind wir - gut beraten, stehen zu bleiben und liebevoll (verbindend) hinzusehen, wenn jemand strauchelt. So wir uns abwenden und ev. besser wähnen, tragen wir zur Trennung von Öl und Wasser mit bei. Um bei diesem grossen Energiebild zu bleiben.

  • Theres Lehmann
    02.02.2018 18:17 Uhr
    Liebe Julia, dein Kommentar zu den bundesratsladies trifft es genau! Herzlichen Dank für das klare Statement. Mit herzlich. Grüßen Theres Lehmann

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