Er nannte ihn Kobold

Gaby Kratzer, 14.08.2018

«Jetzt ist einfach genug!» Eineinhalb Jahre ist es nun her, dass Georg mich verlassen hat. Völlig unerwartet wurde er krank. Kurz vor seiner wohlverdienten Pension. Danach wollten wir alles nachholen, was wir früher immer auf später schoben. Reisen war immer ein grosses Thema. Und nun? Es war eine schlimme Zeit. Nicht einmal mehr Treppensteigen ging mehr. Geistig ging es noch schneller. Georg hatte einen inoperablen Hirntumor. Er nannte ihn Kobold. Wie kann man seinen Krebstumor «Kobold» nennen? Da wüsste ich ganz andere Namen. Aber Georg war so. Bis zuletzt. Sogar zu seiner Erkrankung war er liebenswert. Sein Arzt, ein bekannter Neurochirurg, machte ihm wenig Hoffnung auf einen chirurgischen Eingriff. Der Tumor grenze an das Atemzentrum an und sei deshalb operativ nicht zu entfernen. Es gab die Möglichkeit für Chemotherapie, Bestrahlung oder einfach nichts tun. Georg entschied sich für nichts tun. Er wusste von einem alten Freund, dessen Frau frühzeitig an Krebs dahinschied, dass Chemo das Leben zwar etwas verlängern konnte aber hart und völlig beschissen sei. David hätte lieber mit seiner Frau die letzten Monate geniessen sollen. Aber sie schleppten sich zwischen Krankenhaus und Daheim hin und her. Sie hatte nach der Therapie immer fürchterliche Tage mit Erbrechen und sonstigem. Georg erzählte mir zum Glück nicht alles. Aber es war genug, um ihn in seiner Entscheidung zu unterstützen. Das mit dem Geniessen blieb bei uns leider auf der Strecke, weil Kobold sich schneller ausdehnte als erhofft. Nach sechs Monaten musste Georg stationär ins Krankenhaus, um den Hirndruck zu entlasten. Sie entfernten einen Teil der Schädeldecke. Fürchterliche Sache. Georg war immer ein schöner Mann. Adrett gekleidet, ging regelmässig zum Friseur und achtete überhaupt auf sein Äusseres. Nach der OP war er kaum wiederzuerkennen. Und es war nicht einmal die Deformation des Kopfes, der ganze Mann war missgestaltet. Natürlich liebte ich ihn trotzdem. Es war ja noch immer mein Georg. Innert kurzer Zeit nahmen seine Atemprobleme zu. Der Tumor leistete wirklich gute Arbeit und überwucherte das ganze Atemzentrum recht schnell. Deswegen musste er künstlich beatmet werden. Mittels eines weissen Plastikschlauchs, der über eine Trachealkanüle in seine Luftröhre führte. Ein modisches Tuch verdeckte dabei die Eintrittsstelle. Er bestand darauf. Eine Sonde für die Ernährung und ein Katheter sorgten dafür, dass er nicht verhungerte und die Blase schön entleert wurde. Vor seiner Krankheit sprachen wir öfters über diese vermaledeite Patientenverfügung und nahmen uns vor diese auszufüllen. Aber auch das verschoben wir auf später. Immerhin machten wir unsere Testamente. Nach der Pension sei genügend Zeit für all diesen Schreibkram, meinte Georg immer beschwichtigend. Hätte ich bloss nicht auf ihn gehört. Nun musste ich entscheiden, was die Ärzte dürfen und was nicht. Diese Entscheidungen wollte ich aber nicht treffen. Es ging hier um meinen geliebten Georg. Was hätte denn die richtige Entscheidung sein sollen? Natürlich wollte ich ihn nicht gehen lassen und er sollte für immer bei mir bleiben. Er sah mich immer so traurig an. Es zerriss mir fast das Herz. Mein Geliebter, was soll ich bloss tun? Was hättest du getan an meiner Stelle? Fragen über Fragen, die mich nicht nur tagsüber, sondern auch in wachen Nächten begleiteten. Eine Freundin riet mir zu Psychologischer Hilfe. Sie sah, wie ich litt. Erst wehrte ich mich vehement gegen den Gedanken. «Was soll das? Nicht ich bin krank, Georg ist es und braucht die richtige Entscheidung!», schnaubte ich sie an. Zum Glück ist Britta eine sehr gute Freundin, die mich seit Jahren kennt und wusste, dass ich damit nicht mehr alleine klarkam. Ganz verständnisvoll meinte sie deshalb: «Cora, eben, dass ist es ja. Georg braucht eine Entscheidung. Und nur Du kannst diese im Moment treffen. - Ich kenne eine sehr einfühlsame Frau, die dich auf deinem Weg begleiten kann. Warum gehst du nicht einfach mal hin für ein unverbindliches Kennenlerngespräch. Du spürst schnell, ob sie für dich die richtige Unterstützung ist. Und du kannst nichts verlieren, nur gewinnen.» Es war ja klar. Natürlich hatte sie vollkommen recht. Heute weiss ich das mehr denn je. Also rief ich, an einem der ganz fürchterlichen Tage, an. Emilia war schon am Telefon ein riesen Schatz. Diese Empathie die sie mir entgegenbrachte überwältigte mich bereits in den ersten Minuten. Wir machten also einen Termin für eine erste Begegnung ab. 30, viel zu kurze, Minuten einfühlen und abtasten. Sie war wie eine grosse Schwester, nah und doch mit dem richtigen Abstand. Bei unserem baldigen, zweiten Treffen ging es schnell um mein eigentliches Problem. Die Mühe mit «loslassen» kam immer wieder. Ja, ich konnte Georg (noch) nicht loslassen. Wir hatten doch so viele gemeinsame Pläne. Trotzdem wusste ich, dass eine Entscheidung zu Gunsten der Lebensqualität meines Mannes bevorstand und das ziemlich schnell. Es war praktisch fünf vor zwölf. Ich musste handeln, auch wenn es verdammt weh tat. An einem Donnerstag besuchte ich Georg schon früh. Morgens hatte er längere wache Momente und ich konnte ihm jeweils über meine Aktivitäten erzählen. An jenem Tag sprach ich aber von meinen Sorgen und Ängsten ihm gegenüber. Seine Augen zeigten grösstes Verständnis und Hoffnung. Ich hielt seine Hand und sagte ihm sanft: «Mein Georg, mein geliebter Georg…»,die Worte wollten nicht richtig aus mir heraus, «…ich…ich will dich nicht gehen lassen. Aber ich spüre, dein Wille zu Leben ist erloschen. Ich will dich frei geben, wie auch du mich freigeben würdest. - Wir müssen darüber nachdenken, die lebenserhaltenden Geräte abzustellen.» Es war vollbracht. Ich hatte gegen meinen Egoismus gewonnen. Georg und ich hatten Tränen in den Augen. Seine waren Tränen der Erleichterung. So gut kannte ich ihn. In dieser Nacht blieb ich bei ihm. Georg ging um 23.59 Uhr für immer.

Und jetzt, eineinhalb Jahre später, ist einfach genug der Trauer. Mit Emilia konnte ich den Trauerprozess in allen Facetten durchleben. Für immer wird mein Ehemann in meinem Herzen bleiben. Er wird mich auf meinen Reisen begleiten. Es ist nun die richtige Zeit für mich. Diese werde ich gut nutzen. Gestern buchte ich spontan eine Kreuzfahrt in die Karibik. Dieses Wochenende geht es bereits los. Ich muss noch waschen, bügeln, alles sauber putzen, den Kühlschrank leeren. Was mache ich bloss mit all den Sachen im Gefrierschrank? Dem Nachbarn den Schlüssel bringen, damit er die Blumen giessen kann und zu guter Letzt packen. Ich freue mich. Schiff ahoi.

2  Kommentare

  • Petra Lienhard
    04.09.2018 16:21 Uhr

    Liebe Gaby

    Deine Geschichte hat mir wieder gefühls- und bildmässig den Verlust meines Ehemannes nacherleben lassen. Es ist schwer loszulassen. Gelesen habe ich deinen Beitrag mehrmals. Aber mich dazu zu äussern ist mir schwergefallen. Auch wenn es schon 3 1/2 Jahre her ist. Umgehen mit dem Verlust ist eine Kunst die erlernt werden will. Das Pendeln zwischen Spital und Daheim kenne ich nur zu gut. Doch muss ich zugeben, langsam und stetig überwiegen die positiven und glücklichen Momente und dafür bin dankbar.

    Du hast eine feine sensible Art über schwere Themen zu schreiben, das gibt mir Ansporn mein Leben sinnvoll in die Hand zu nehmen. 

    Danke

    Liebe Grüsse, Petra

  • 05.09.2018 10:01 Uhr

    Liebe Petra

    Ich bin gerührt.

    Vielen Dank für Dein Kompliment.

     

    Liebe Grüsse

    Gaby

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