Die Weiber machen mich schier wahnsinnig

Elisabeth Büchel Neuhold, 10.12.2018

Ich habe da so ein paar Freundinnen. Ganz flotte Frauen. Wirklich. Einige von Ihnen sind mir seit vielen Jahren treue Gefährtinnen und Beraterinnen Ich mag sie. Jede auf ihre Weise. Und ich bin froh, dass sie sich untereinander verstehen. Wenn die Eine bei mir ist, ziehen sich die andern in der Regel diskret und geduldig zurück und warten ab, bis ich ihnen meine Aufmerksamkeit schenke. Wenn eine aktiv ist, warten die anderen bei einer Tasse Kaffee, bis ich mich wieder um sie kümmere. In der Regel sind sie weder nachtragend noch ausserordentlich fordernd und sehr friedliebend. In der Regel heisst, während elf Monaten im Jahr.

Im Dezember aber, im Dezember sind die Frauen kaum auszuhalten. Ich weiss nicht, was jeweils während den letzten vier Wochen im Jahr in sie fährt. Jede Einzelne führt sich auf, als wäre sie meine Gebieterin. Jährlich zur Weihnachtszeit werden sie laut, reden alle gleichzeitig auf mich ein, mahnen mich, treiben mich, lassen mir keine Ruhe, strecken ihre Mahnfinger hoch, klatschen in die Hände, hopp hopp!, runzeln missbilligend die Stirn, schütteln beleidigt ihr Haupt, ts ts ts!, schubsen, stossen, zwicken mich und lassen mir keine Ruhe. Die machen mich schier wahnsinnig, die Weiber.

Da ist zum Beispiel E., die so unglaublich fürsorglich, mütterliche Mutter. Sie fordert mich auf, meinen halberwachsenen Kindern einen Adventskalender zu basteln. Damit die lieben, grossen Kleinen vorweihnachtliche Geborgenheit spüren und ein bisschen Kindheitserinnerungen warm behalten, jetzt an der Schwelle zum harten Erwachsenenleben.

Oder L., die ehrgeizige Hausfrau. „Was? Du hast wieder keinen selbstgebundenen Adventskranz auf dem Tisch?! Also bitte, das wäre doch keine Sache! Aber das mit den Guetzli wirst du doch wohl noch hinkriegen, oder? Und wie, bitteschön, gedenkst du das Haus zu dekorieren? Ein klein wenig zumindest!“ mahnt sie mich unablässig.
Dann ist da I., die aufmerksame Patin. Sie hat schon lange angekündigt, dass sie vor Weihnachten mit den drei Mädels shoppen gehen will. Mit anschliessendem Pizzeriabesuch und ein bisschen Tratsch. Schliesslich hätte ich mich unter dem Jahr nur zu Geburtstagen gemeldet.

Und S., die beste aller Ehefrauen. Sie tippt mir unablässig auf die Schulter, nicht heftig, aber eben – unablässig. Wolltest du nicht letztes Jahr schon mit deinem Liebsten einen Weihnachtsmarkt besuchen, mit ihm Glühwein schlürfen und ihm Vanillegipfeli backen, weil er die soooo gerne hat? Und hast du schon eine Idee für das ulitamtiv persönliche, super orginelle, kleine, feine Weihnachtsgeschenk?

Auch A. und B., die beiden Zuverlässigen flüstern mir abwechselnd ins Ohr. Die Tochter und Schwiegertochter. Sie erinnern mich daran, dass die beiden lieben Mütter so richtig richtig Freude hätten, wenn ich mit ihnen ein Weihnachtskonzert besuchen würde oder mit ihnen zu Grosstante Frieda ins Pflegeheim fahren könnte. Die Arme hat ja so selten Besuch. Ein Tag im Jahr wird doch wohl noch drin liegen! Stimmt.

Und E., die anerkennende Vorgesetzte. Wie wärs, wenn du deinen Kollegen und Kolleginnen einen kleine Aufmerksamkeit auf den Pult stellen würdest? Nur was Kleines, Süsses, … oder wenigstens eine schöne Kerze. Wäre doch nett. Kleine Überraschungen verbessern das Arbeitsklima und überhaupt.

T., ist etwas zurückhaltender. Sie ist die gute Freundin, die achtsame Kollegin. Ihr würde es gefallen, wenn ich mir dieses Jahr endlich einmal Zeit nehmen würde, ein paar Worte, handschriftlich, mit Tinte, am liebsten auf selbstgestaltete Karten an meine Freunde zu richten. Wenn möglich so früh, dass sie vor Heiligabend im Briefkasten sind. Und wenn möglich sehr persönlich und wertschätzend. Aber, meint sie ja nur, wenn dir gute Freunde nicht wichtig sind …

Dann ist da noch H. Sie schmollt zwar dieses Jahr. Ich habe sie zu selten beachtet. Aber die hat auch Ansprüche!! Sie ist die Eitle. Ihr würde es gefallen, wenn ich an Heiligabend im schwarzen Samtkleidchen, frisch frisiert und geschminkt (am liebsten noch in Stöckelschuhen!) mit meiner Familie ganz entspannt neben dem üppig geschmückten Weihnachtsbaum mit einem Glas Prosecco anstossen würde, dazu lässig ein paar delikate Häppchen anbieten würde um dann einen besinnlichen Text vorzulesen oder Stille Nacht auf dem Klavier zum Besten zu geben, während in der Küche das Fünfgangmenue nur noch darauf wartet, auf den festlich gedeckten Tisch gebracht zu werden.

Dieses Jahr aber ist B. diejenige, die mir am meisten zusetzt. Die Freundliche, obwohl sie von Jahr zu Jahr fordernder auftritt. Sie fragt mich, ob es noch lange dauert, bis ich endlich auf alle andern pfeife und es mir mit einem Glas Rotwein und einem Buch gemütlich mache vor dem Kamin. Wieviele Jahre sie noch darauf warten müsse, bis ich ihr endlich etwas mehr Aufmerksamkeit schenken würde und einmal, einmal nur wenigstens! „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ ohne Unterbruch von Anfang bis zum Ende – dem so schönen Ende mit dem so schönen weissen Pferd – schauen würde und dabei hemmungslos weinen könnte. Oder, ohne vermessen sein zu wollen, ob sie noch darauf hoffen dürfe, dass ich einmal – nur ein einziges Mal – das ganze Weihnachtsoratorium ungestört anhören würde.

Sie bringen mich schier zur Verzweiflung, die Weiber. Und manchmal muss ich ihnen kräftig den Marsch blasen. Und das klingt dann alles andere als weihnachtlich. Aber ich weiss, dass sie sich spätestens bis Neujahr wieder einkriegen und ihre Plätze einnehmen.

Aber manchmal, manchmal nur für einen kurzen Moment, stelle ich mir vor, ich betrete den kleinen schäbigen Stall. Ohne Geschenk, ohne Gebäck, ohne Weihnachtskarte, nicht einmal mit einem Lied. Nur ich. So wie ich bin. Strubbliges Haar, in Jeans, Hemd, barfuss. Und draussen warten all die Gutfrauen und all meine lächerlichen Bemühungen, bewundern den Tand der Könige, zanken sich um den besten Platz, um hineinzuspähen, trampeln unbedacht in Kamelhaufen, vertreiben sich die Zeit mit Krimilektüre oder tadeln und kritisieren mich ungerührt weiter, bis ihre Stimmen auf dem weiten Feld verhallen.

Drin ist es ganz still. Und warm.
Und dann ist da ein Kind.
Und es lächelt mich an.

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