Das Märchen von den Sonnenstrahlen und dem Regen

Silvia Trinkler, 22.02.2018

Regentropfe Hans klatschte auf den heissen Betonboden und wurde sofort vom Sonnenstrahl Berta in Tausend Moleküle zerlegt. Hans zeterte: «Verdammt! So lass ich mich von euch Sonnenstrahlen nicht mehr weiter behandeln.» Und schon schwebte er gasförmig gegen den Himmel.

Das hämische Lachen und die schrille Stimme Bertas gaben ihm das Geleit: «Was willst du unscheinbare Kreatur denn tun? Haha ………… ihr Regentropfen müsstet doch wissen wo euer Platz auf der Welt ist.» Und dann noch: «Ihr solltet zufrieden sein, dass wir Sonnenstrahlen alles im Griff haben.»

Hans verschwand in einer hellgrauen Wolke und klagte: «Niemand lobt mich! Niemand sagt mir, dass ich einen tollen Job mache! Immer kommt so ein arroganter Sonnenstrahl und brüstet sich wie die Menschen die Sonne und ihre Strahlen lieben.» Verzweifelt setzte er sich in die feuchte Wolkenhülle und dampfte mit vielen anderen Wasser-Molekülen dumpf vor sich hin.

Da erhob der kämpferische Guido die Stimme: «Wir müssen kämpfen! es stürmt auf der Erde! und jetzt schmeissen wir uns voll in den Sturm! Die sollen alle merken wer wir sind! Die sollen spüren wie es ist, wenn der Wind uns quer durch die Landschaft peitscht! Die sollen uns kennen lernen!»

Der besonnene Robert ermahnte: «Das verbessert unser Ansehen nicht. Wir müssen eine bessere Strategie finden, dass die ganze Welt realisiert, dass sie von der Pflanze über die Tiere bis zu den Menschen alle auf uns angewiesen sind. Geht an die Arbeit und denkt darüber nach was wir tun könnten, dass die Sonnenstrahlen unsere Freunde werden und sie uns gleichwertig behandeln. Wir treffen uns in einer Woche wieder!»

Hans und Guido murrten und verschwanden mit der nächsten grauen Wolke.

Nach einer Woche traf sich das illustre Trio. Der pessimistische Hans fing an: «Das bringt alles nichts! Wir schaffen das nicht mit den Sonnenstrahlen ein Team zu werden. Die können tun was sie wollen und die Menschen glauben, dass die Welt mit Gold überzogen ist. Ja, nicht nur die Menschen, auch die Blumen strecken ihre Köpfe der Sonne entgegen und finden es wunderbar. Sogar die Insekten, Bienen und die Schmetterlinge tanzen in der Sonne! Habt ihr dies schon einmal erlebt, wenn es regnet? Wir sind nichts und können nichts – wir sind einfach kalt und nass und grau!»

Guido schrie: «Genau! Wir veranstalten einen Wolkenbruch! Wir prasseln mit Wucht zu Boden bis die Erde in den Fluten ertrinkt, und alles was noch zu sehen ist zerfetzen wir mit faustgrossen Hagelkörnern bis auch die letzte Pflanze zerschlagen am Boden liegt und die Autoscheiben zertrümmert sind!»

Robert stöhnte: «Mit einem versauerten Pessimisten und einem tollwütigen Schläger zu planen, ist eine Herausforderung. Ich habe eine bessere Idee.» - «Spiel dich nicht auf, auch du wirst nichts Besseres erfinden!» maulte Hans.

Unbeirrt erzählte Robert von seinem Plan: «Zuerst machen wir ein paar Wochen Ferien, lassen die Menschen den Sommer geniessen, lassen sie grillieren, baden und wandern. Bis sie merken, dass das Gras nicht mehr wächst, die Blumen die Köpfe hängen lassen und sie wegen der Schwüle nicht mehr schlafen können. Die Mücken sind in Hochform und stechen überall zu, der Sonnenbrand hat auch schon gewütet und die stehende Hitze verursacht Kopfschmerzen.» Alle Tropfen in der Nähe horchen auf, rücken etwas näher und wollten der Schauer-Geschichte lauschen.

«Und dann laden wir ein zu einer Party an einem richtig drückenden schwülen Sommerabend! Der Blitz und der Donner beschenken uns mit einer spektakulären Eröffnung – sie haben schon zugesagt. Ihr könnt sicher sein, die werden es richtig krachen lassen. Viele Erdenbürger werden Angst bekommen, dass der Blitz Waldbrände verursacht und der Donner applaudiert ihm mit Getöse!

Dann lösen wir sie ab mit einem warmen heftigen Sommerregen und gehen über in ein beruhigendes nächtliches Rauschen. Die Temperatur kühlt sich ab. Die Menschen fallen in einen tiefen Schlaf und die ganze Welt erwacht am nächsten Tag erfrischt und strahlend sauber. Überall werden wir als glitzernde Tautropfen der Welt unsere Schönheit zeigen.» - «So ein Blödsinn! Die werden ja alle belohnt!» - „Ja genau, und sie merken, dass es ohne uns nicht geht. Wir führen keinen Krieg, das ist Sache der Sonnenstrahlen, die kennen ohne uns nur Vernichtung!» Alle waren verblüfft.

«Und damit die Welt uns nicht sofort wieder vergisst, habe ich noch weitere Events geplant. Bei der einen Veranstaltung werden wir am Tag mit dem Donner und Blitz tanzen und das Schlussbouquet macht der Regenbogen. Regenbögen verzücken die Menschheit immer wieder.

Für den Advent habe ich vorgesehen, dass wir es schneien lassen um zu zeigen wie einmalig wir als Schneeflocken wirken. Die Hauptprobe wird am Nikolaustag sein und an Weihnachten ist die Hauptaufführung. Kein Sonnenstrahl hat an Weihnachten so viel Charme wie wir». – nach einem langen Schweigen, jubelten alle auf:» Und das wiederholen wir immer wieder einmal, als Belohnung und Stärkung für uns und als Erinnerung für den Rest der Welt, dass sie uns respektvoll und gleichberechtigt behandeln sollen.»                                                

6  Kommentare

  • Ulrike läubli
    23.02.2018 12:15 Uhr

    Liebe silvia

    Ich bin ganz stolz auf dich.du hast grosses talent und mir wurde an diesem kaltem wintertag ganz warm ums herz.vielen dank für diese geschichte!!bis bald.ul

  • Uetz-Manser Verena
    23.02.2018 15:40 Uhr

    Schöne Metapher, gefällt mir, beantwortet aber nicht die Frage, ob der bewusste Tag abgeschafft oder beibehalten werden soll

  • Ivana
    23.02.2018 21:40 Uhr
    Grazie mega schö mengmol sind mir rägetropfe chönd aber au sunnestrahle sii ciao
  • Silvia Trinkler
    24.02.2018 12:23 Uhr
    Liebe Verena, liebe Alle, für mich ist ganz klar, dass solche Tage beibehalten werden müssen, um auf Missstände aufmerksam zumachen, Veränderungen anzuregen und zu fordern und auch um Geleistetes zu würdigen und sich gegenseitig zu stärken. Mit den geplanten Events der Regentropfen wollte ich dies aufzeigen. Danke fürs lesen und mitdenken! Herzlich Silvia
  • Ramona Kanzian
    25.02.2018 11:04 Uhr

    Liebe Silvia

     

    Du solltest nebenbei Kinderbücher schreiben. Eine wundervolle Geschichte.

    Ich denke es beantwortet sehr wohl die Frage ob der Tag abgeschafft oder beibehalten werden soll.

     

    Eine tolle Art dieses Thema in so eine Geschichte zu packen.  Danke für dein kreatives Denken.

  • Jürg Studer
    26.02.2018 14:25 Uhr

    Eine süffig lesbare Geschicht mit einer tieferen Ebene. So soll es doch sein.

Schreiben Sie einen Kommentar zu dieser Seite

Antwort auf:  Direkt auf das Thema antworten

Autorinnen und Autoren

Batliner Benita

Batliner Benita

Brechbühl  Werner

Brechbühl Werner

 
Büchel Neuhold, Elisabeth

Büchel Neuhold Elisabeth

Dressler Birgit

Dressler Birgit

 
Hengartner Monika

Hengartner Monika

Keller Eveline

Keller Eveline

 
Klassen Anna

Klassen Anna

Gaby Kratzer

Kratzer Gaby

 
Petra Lienhard

Lienhard Petra

Lüthi Verena

Lüthi Verena

 
Marti-Neuenschwander Monika

Marti-Neuenschwander Monika

Silvia Trinkler

Trinkler Silvia

 
Uetz-Manser Verena

Uetz-Manser Verena

 

Kontakt

Generationen unterwegs
Im Bahnhof
CH-8590 Romanshorn 

E-Mail schreiben

Kontakt

Generationen unterwegs
Im Bahnhof
CH-8590 Romanshorn 

E-Mail schreiben

 
Diese Webseite verwendet Cookies. Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzinformationen