Alt und ausgemustert?

Diana Schulle, 22.08.2017

123rf.com / dolgachov
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Er regt mich schon wieder auf, dieser Satz! Obwohl ich den Umstand an sich nicht ignoriere. Ich möchte diese Journalisten manchmal schütteln! In Abständen wird er immer mal wieder durch die Medien geschoben. Dieser Satz macht mich wütend, weil er eine Haltung zu einem Viertel der deutschen Bevölkerung vermittelt, die ich erstens als Angstmache, Stimmungsmache, und zweitens als Entmündigung empfinde. Er suggeriert, dass alles so bleibt, wie es ist und die Menschen ab Mitte sechzig, offenbar unselbständig und hilflos, wie sie dann sind, immer auf staatliche Unterstützung angewiesen sein werden. Dieser Satz lautet etwa so:  2030 soll angeblich „jeder zweite Bundesbürger von Altersarmut betroffen“ sein.

Wo haben diese Leute das Hellsehen gelernt? Woran wird das gemessen? Da wird aus der Vergangenheit extrapoliert, um die Zukunft vorherzusagen! Aber die Vergangenheit ist vergangen, gerade ich muss das wissen, ich bin Historikerin. Und nichts ist so sehr in Bewegung wie die Zukunft!

Ich bin noch nicht im Ruhestand. Ich bin 52 und mit einem 35 Jahre älteren Mann verheiratet. Seit fast 29 Jahren inzwischen. In unserem zweiten Ehejahr habe ich erlebt, wie es ihm damit ging, als er unerwartet aus dem Arbeitsleben herauskatapultiert wurde. Von jetzt auf übermorgen. Und wie sehr es ihn getroffen hatte, 40 Arbeitsjahren und mindestens 30 Jahren Erfahrung in der Ausbildung medizinischen Personals sich immer wieder anhören zu müssen, dass er doch nun mit fast 60 nicht mehr davon ausgehen könne, irgendwo unterzukommen und er solle die doch endlich Suche einstellen und sein Leben genießen.

Ich sehe ihn noch vor mir, als er eines Tages sagte: „Ich höre jetzt damit auf. Es hat ja doch keinen Sinn!“ Ich habe auch noch den resignierten Tonfall im Ohr, als er das sagte, obwohl er sich mir gegenüber immer als der Starke, Abgeklärte zeigte, der alles im Griff hatte. Natürlich — er war der Mann, der Ernährer, der Ältere.

Ich fand das damals traurig — für ihn. Was es allerdings für ihn bedeutete, WIRKLICH bedeutete, das habe ich erst Jahre später verstanden. Da war ich älter, hatte mehr Lebenserfahrung und mehr Erkenntnisse aus dem gewonnen, was um uns herum inzwischen alles passiert war.

Aus jener Zeit stammt dieses unterschwellige Gefühl in mir, dass die Menschen im Ruhestand eine Gruppe darstellen, die irgendwie schräg angesehen wird. Sie tragen nicht mehr zum Wachstum der Gesellschaft bei, sondern konsumieren nur noch. Schauen wir mal auf die Fernsehwerbung: Rentner sind oft krank, hilfs- und schutzbedürftig, unselbständig, wissen nichts mit sich anzufangen. Brauchen Rollstühle und Treppenlifte oder betreutes Wohnen. Auf der anderen Seite sehen wir in den Medien „aktive Alte“ (wobei die Darsteller offenbar nur graue Haare haben müssen), lebens- und reiselustig, gesundheitsbewusst und familienorientiert, manchmal inkontinent und impotent, doch alles Problematische hinter sich wissend haben sie nur noch viel Geld auszugeben.

Alles stimmt und stimmt auch wieder nicht.

Ich habe mich dann 20 Jahre lang mit nationalsozialistischen Gewaltverbrechen beschäftigt. Mit dem Schicksal von Menschen, deren Leben gewaltsam beendet wurde. Die in den weitaus meisten Fällen nicht zu Ende bringen konnten, was sie begonnen hatten. Während dieser Zeit gingen viele Bekannte, Freunde und Verwandte in den Ruhestand … und hatten keine Ahnung, was sie dann tun sollten. Sie brachten und bringen noch immer ihre Tage „irgendwie“ rum. Die einzige Motivation, morgens aufzustehen, besteht darin, dass sie abends wieder ins Bett gehen können. Das klingt drastisch, verdeutlicht aber, was ich meine.

Sie haben kein WARUM!

Nicht einmal mehr: Warum langweile ich mich so? Warum habe ich keine Ideen? Warum ist mein Leben nicht interessanter? Warum habe ich noch immer den Partner oder die Partnerin, von dem/der ich mich schon vor 20 Jahren hätte trennen sollen? Warum lösen sich meine sozialen Kontakte auf? Und warum stört mich das? Oder auch nicht? Warum habe ich so wenig Geld? Warum bin ich noch hier? Was kann ich noch tun? Was ist meine Aufgabe?

Mein Mann und ich haben in den späteren Jahren oft über diese erste Zeit seines erzwungenen Ruhestandes gesprochen. Von ihm stammt auch die Aussage, dass er froh war, bald Aufgaben gehabt zu haben, die ihn von seiner Situation ablenkten. Ohne eine sinnvolle Beschäftigung wäre er wohl depressiv geworden. Das stand für ihn fest wie ein Fels in der Brandung.

Die Aufgaben, die er dann übernommen hatte, gaben seinem Leben einen Sinn. Es waren mehrere, manchmal gleichzeitig, manchmal nacheinander. Sie gaben ihm das Gefühl, noch etwas „wert“ zu sein, etwas zu „schaffen“. Sie gaben seinem Leben einen Sinn.

Den letzten Anstoß erhielt ich 2015. Ein Freund begann schon zwei Jahre vor seiner Pensionierung darüber zu klagen, dass er ja nichts mehr wert wäre, wenn er erstmal seinen Job aufgegeben haben würde. Er wäre ein Niemand, er würde keine Einladungen mehr bekommen, um Vorträge zu halten, er hätte nichts mehr zu entscheiden, kein Büro mehr. Bis es soweit war schien er sich hyperaktiv bei vielen Menschen ins Gespräch zu bringen, vermutlich, um so viele Kontakte wie möglich zu knüpfen für „die Zeit danach“ aus Angst, vergessen zu werden.

Er überlebte den Tag seiner Pensionierung nur um zehn Monate!

Rückblickend verflechten sich alle diese Dinge für mich zu etwas, das mich dahin geführt hat, wo ich heute bin. Weswegen ich heute Menschen darin unterstütze, ihren Ruhestand vorzubereiten.

Ich fand und finde es unmöglich, dass der Ruhestand, die Zeit als Rentner, häufig wie ein vom Leben abgekoppelter Prozess dargestellt und auch so empfunden wird. Dabei kann dies ein großartiger Lebensabschnitt werden, wenn jeder Einzelne rechtzeitig beginnt, ihn vorzubereiten. Wann im Leben hat man schon die Möglichkeit, befreit von vielen Verpflichtungen, endlich das machen zu können, was man schon immer wollte?

Die Erkenntnis, dass das Leben als Rentner für viele Menschen problematisch ist, tröpfelt nur langsam ins öffentliche Bewusstsein. Betroffene wissen das schon lange und beklagen — natürlich im Nachhinein —, eine mangelnde Vorbereitung auf diese Zeit. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie niemand darauf hingewiesen hat oder ob sie selbst diese Zeit nicht ausreichend durchdacht haben.

Doch wer soll uns darauf vorbereiten? Der letzte Arbeitgeber? Aus welchem Grund?

Warum glauben wir, dass andere für unser Glück zuständig sind?

Die Schwelle, von der an jemand als alt gilt, schiebt sich Jahr für Jahr ein Stück weiter nach oben. Wir leben länger, sind aktiver und gesünder. Diese Phase zwischen dem Ausscheiden aus dem Arbeitsleben und dem hohen Alter ist wie ein hinzugekommener, neuer Lebensabschnitt. Hierbei wird es immer wichtiger, mit der Vorbereitung des Ruhestandes RECHTZEITIG zu beginnen. Meiner Meinung nach spätestens ab dem 55. Lebensjahr! Warum erst bis zum Ruhestand warten, dessen Beginn sich in Deutschland zudem sukzessive nach hinten verschiebt, um dann erst die Träume zu verwirklichen, die Sie schon seit Jahren träumen?

Warum spätestens ab 55?

Zeit meines Historiker-Daseins bin ich Freiberufler mit zwei, manchmal drei Jobs gleichzeitig. Ich weiß daher aus eigener Erfahrung, wie anstrengend es sein kann, sich neben dem Beruf und dem Eingespanntsein in den Alltag mit Dingen zu beschäftigen, die man „eigentlich“ will, die jedoch noch nicht greifbar sind, die ich mir nicht vorstellen kann, die aber „irgendwo“ sein müssen, von denen ich nicht weiß, ob sie überhaupt das erhoffte Ergebnis bringen …

Was aber, wenn Sie rechtzeitig ein Nebeneinkommen generieren können, mit dem Sie der viel beschworenen Altersarmut entgehen? Oder vielleicht sogar noch einmal Ihre Tätigkeit wechseln, bevor Sie in den Ruhestand gehen? Wenn Sie Klarheit über Ihren Lebenssinn erhalten? Über neue Aufgaben? Wenn sich Ihre sozialen oder Liebesbeziehungen vertiefen? Wenn Sie sich wieder mit Ihren eigenen Fähigkeiten und Talenten verbinden, um sich ein Leben zu schaffen, dass Sie großartig nennen können?

Was wäre Ihnen das wert?

Sie finden, das ist unrealistisch? Wie soll sich Etwas verändern lassen, dass sich jahrzehntelang „bewährt“ hat? Wie soll ich etwas in mir finden, von dem ich nicht einmal weiß, ob es überhaupt da ist?

Ich garantiere Ihnen: Es geht! Jeder kann das. Wenn er gewillt ist, an sich und mit sich zu arbeiten.

Nur, weil Sie sich etwas nicht vorstellen können, heißt das nicht, dass es nicht existiert. Nur, weil der Morgennebel die Wege noch nicht freilegt hat, heißt das nicht, dass es sie nicht gibt!

Es gibt unzählige Möglichkeiten. Und deswegen kann ich diesen Satz über die kommende Altersarmut absolut nicht ausstehen!

2  Kommentare

  • Brigitte Hieronimus
    13.09.2017 11:12 Uhr

     

    Liebe Diana Schulle,

     

    was für ein wunderbarer einfühlsamer und mutmachender Klartext zu einem brisanten Thema! Ich stimme aus vollem Herzen zu und hoffe, dass Sie viele Menschen damit erreichen.

    Biografisch gesehen sind die Jahre um 50 die Jahre, in denen es um innere Wahrhaftigkeit geht, um die Frage" Wer bin ich auch?". Es geht um das Verlassen der alten Rollen und einen neuen Sturm und Drang VOR dem Ruhestand, damit die Jahre danach zu einem Lustgarten werden - auch und gerade, wenn manche Jahre hart und entbehrungsreich waren.

    Die Kriegs-und Nachkriegsgeneration hat aufgrund unverarbeiteter Traumata ein psychisches Narbengewege im Gepäck des Lebens und oft Mühe, dies für sich zu gestalten.

    Es ginge in diesen Jahrenum ein neues geistiges Säen, um die Pflege der Sinne und Gefühle, um Güte und reife Liebe und um Versöhnung mit dem Leben so wie es war.

    Es gäbe also viel zu tun in diesen Jahren des sogenannten Ruhestandes,der im Grunde ein geistiger Aufbruch zu sich selbst und der Welt sein könnte.

    Die innere Ofenbank - die Heimat in sich - kann man immer aufsuchen, auch wenn man krank geworden ist. Und man kann Platz anbieten für diejenigen, die sich daneben setzen und lauschen wollen, was diese Generation zu erzählen hat. Oft sind es ja die Enkel, die neugierig und wissbegierig lauschen und gerne an die Großeltern zurück denken.

    In diesem Sinne bietet das Alter unzählige Möglichkeiten, um sich zu entfalten und neue Aufgaben zu finden und zu lösen.

    Mit herzlichen Grüßen

    Brigitte Hieronimus

  • 18.09.2017 21:55 Uhr

    Hallo Frau Hieronimus,

    danke für Ihr Feedback. "Die innere Ofenbank ..." - ein wunderbares Bild.

    Ja, viele Menschen damit zu erreichen ist mein Ziel. 

    Interessanterweise (oder besser: eigenartigerweise) fragte mich heute ein junger Mann, der um die Jahrtausendwende herum geboren ist, wie seine Generation mit dieser propagierten "Altersarmut" umgehen soll, wenn ihnen jetzt schon damit Angst gemacht wird. Zumal sich die Arbeitswelt stark verändert und die herkömmlichen Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Modelle großem Wandel unterworfen sind.

    Ich finde es wirklich bedenklich, wie die Medien bereits die Menschen zu beeinflussen, steuern und kontrollieren. Wir werden auf gewisse Dinge konditioniert, bspw. auf Existenzangst, auf die Angst, "anderen" nicht zu genügen usw. Unglaublich! Da muss dann auch die Wissenschaft  als Beweis herhalten.

    Uns wird gesagt, wie wir leben werden. Aber niemand spricht darüber, wie wir leben wollen!

    Es gäbe viel dazu zu sagen, doch ich belasse es erstmal dabei.

    Beste Grüße

    Diana Schulle

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